ERNST P. STROBL WIEN (SN). Es wäre eigentlich interessant, wie lange das in Wien oder Salzburg dauern könnte: Da geht man mit einer geladenen Pistole einfach durch die Straßen und wartet, bis die Polizei endlich "zuschnappt". In Mexico-Stadt hat es zwölf Minuten gedauert, der Künstler Francis Alÿs hat es ausprobiert. Sein Video ist noch ein vergleichsweise harmloser Teil einer Ausstellung in der Kunsthalle Wien, die nichts für schwache Nerven ist.
Seit der Eroberung des lateinamerikanischen Kontinents durch die "christlichen" Europäer gehören Blut und Grausamkeit zur Wahrnehmung aus der Ferne. Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz war der Meinung, dass Sterben in Europa verdrängt werde, während die Lateinamerikaner Gefallen am Umgang mit dem Schrecklichen fänden und sogar eine Neigung zur Selbstauslöschung hätten. Wie aber geht die lateinamerikanische Kunstwelt mit dem alltäglichen Tod um, wie reflektieren Künstler tödliche Gewalt?
Es gibt eine zynische Lebensverweigerung, aber auch eine ironische Lebensbejahung, vermutet Kunsthallendirektor Gerald Matt, der sich gemeinsam mit Kurator Thomas Mießgang selbst in Lateinamerika aufgehalten hat. Tief in die Geschichte der blutigen Missionierung geht Cildo Meireles aus Brasilien zurück, er baute eine Installation aus 600.000 Münzen, eine Stange mit Oblaten, von der Decke des Kastens hängen 800 Menschenknochen. "Wie man eine Kirche konstruiert" heißt das Gebilde.
Schockierend sind vor allem Fotos, welche die Realität abbilden. Da ist eine Reihe von mexikanischen Kindern zu sehen wie auf Verbrechersuchbildern, es sind aber Opfer, Verschwundene. Der anonyme, oft unbeachtete Tod erschüttert, wenn man die Mordopfer sieht. Leichen, die gerade in die Grube gekippt wurden, Hinterbliebene in ihrer Trauer.
Insgesamt 18 Künstlerpositionen sind im Reigen des Grauens und Grausens anzutreffen. Die religiös-rituelle Annäherung an den Tod, die Opfer des alltäglichen Sterbens, aber auch die politische Gewalt werden in den Exponaten reflektiert. Regina José Galindo tränkt mit blutigen Füßen den Weg zum Nationalpalast in Guatemala City. Makaber wirkt ein Totenschädel mit knöcherner Clownsnase von Vik Muniz in seinem bizarren Lachen. Und die vermummten Kruzifixträger, die Cristina Garcia Rodero im spanischen Hinterland fotografierte, führen zurück zu den ideologischen Wurzeln manchen Eroberungsfeldzugs. Alle Ironie zwischen der Brutalität kann kaum den Rundgang auflockern. Aber die Auseinandersetzung lohnt sich.Information: "Viva la muerte", bis 17. Februar, www.kunsthallewien.at





