Kunsthalle Krems: Die russischen Realisten des 19. Jahrhunderts
Repin und die "Wanderkünstler"
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Wieder ein Thema aus der Kunst des 19. Jahrhunderts, das die
Kunsthalle Krems gemeinsam mit dem Staatlichen Museum von St. Petersburg
(Kuratorenteam Tayfun Belgin und Jewgenia Petrowa) aufgegriffen hat. In
Russland sind die realistischen Künstler, die sich parallel zur Literatur
eines Tolstoj, Dostojewski, Gogol und Puschkin sozialen Fragen - nicht nur
des Bauernstandes - widmeten, ebenso populär wie die Literatur. Etwa
parallel zur französischen Protoimpressionisten-Schule von Barbizon
schlossen sich Ilja Repin, Iwan Kramskoi, Isaak Lewitan und die noch
weniger bekannten Wassili Perow, Wladimir Makowski, Wasili Surikow u. a.
zur Gruppe der "Peredwishniki" ("Wanderkünstler") zusammen, die durch
landesweite Ausstellungen ihre neue, nicht idealisierende,
gesellschaftskritische, realistische Kunst bekannt machten. Dem
populärsten, Ilja Repin, ist der ganze Oberlichtsaal gewidmet; sein
bekanntestes Bild "Die Wolgatreidler" kommt erst im April von einer
anderen Schau nach Krems. Der Maler ist aber auch als hervorragender
Porträtist hervorgehoben, mit Bildnissen berühmter Musiker und
gesellschaftskritischen Studien wie der "Kreuzprozession". Sein
symbolistisch romantisches Gemälde "Welch eine Weite" (1903) zeigt auch
das Ende des Realismus an. Repin sah in ihm die "Kunst für alle" und
Courbets Credo dieses Stils als eine demokratische Haltung wich bald der
abstrakten Revolution. Die Vorbilder waren neben den Franzosen die alten
Holländer, Goya und Velázquez. Einige Entdeckungen sind bei einem
Rundgang durch das Obergeschoss zu machen - so der nicht nur farblich
expressive Archip Kuindshi mit Schnee- und Meerbildern, die "Wäscherinnen"
von Abram Archipow oder Iwan Kramskois "Unstillbarer Schmerz". Die
Gattungen Genre, Porträt, Landschaft und ein paar Stillleben verdrängten
langsam das Historienbild. "Finstere Gestalten" von Konstantin Sawizki
und die Gesellschaftsbilder Repins sowie Fris Shurawlijows "Vor der
Trauung" haben ironische Untertöne. Alexej Korsuchin, Wassili Maximow und
Kirill Lemoch erinnern an den Realismus Waldmüllers. Hohe malerische
Qualitäten sind nicht nur bei Repin, sondern auch bei Archipow, Lewitan,
Prjanischnikow, Surikow, Sawrassow oder Schischkin u. a. zu finden.
Als kleinen Gegenakzent zum russischen Nationalstil des 19.
Jahrhunderts zeigt das Karikaturmuseum vis à vis - ebenfalls bis 2. Juni -
ein paar Karikaturen der Gruppe Kukryniksy aus der Zeit des "Kalten
Krieges". Diese wie ein Großteil der Gemälde aus dem Staatlichen
Museum in St. Petersburg waren noch nie zuvor im Westen.
Erschienen am: 27.03.2002 |
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