| Salzburger Nachrichten am 31. Jänner 2006 - Bereich: Kultur
Fernseher schlagen zurück Nam June Paik, Aktionist,
Musiker, Vater der Videokunst und Pionier der Medienkritik, starb am
Sonntag im Alter von 73 Jahren in Florida.
BERNHARD FLIEHER SALZBURG, SEOUL (SN). Wenn ein Rockmusiker heutzutage
seine Gitarre zerschlägt, ist das ein peinlicher Akt der Wiederholung.
Kein Aufbegehren, kein Widerstand wird da augenscheinlich, sondern bloß
die Erinnerung wird beschworen. Viele erinnern sich an Jimi Hendrix. Aber
auch der war schon hinten dran, als er seine Fender Stratocaster
anzündete. Als der gebürtige Koreaner Nam June Paik 1959 Instrumente
zerschlug, war er der erste, der daraus Kunst werden ließ. Seine "Hommage
á John Cage" (1956) gilt als Beginn einer Karriere, die ihn zum Vater der
Videokunst werden ließ und zu einem Pionier einer Kunst, deren Basis in
der Kritik an Massenmedien lag. Mit Ironie und vor allem humanistischen
Grundsätzen, die gegen Ausbeutung und Verdummung durch Medien antraten,
gestaltete er ein abwechslungsreiches Werk. Über die Musik war Nam June Paik zur Kunst gekommen. Er hatte in seiner
Heimat Kunst- und Musikgeschichte studiert. Mit 18 flüchtete der Sohn
eines Stahlfabrikanten vor dem Koreakrieg nach Japan. In Deutschland,
wohin er 1956 zum Studium ging (und in den folgenden Jahrzehnten an
diversen Unis lehrte), arbeitete er mit Joseph Beuys und Karlheinz
Stockhausen und traf schließlich John Cage. Inspiriert von dem
US-Komponisten erfand Paik seine "Aktionsmusik", bei der er klassische
Klänge und zufällige Geräusche kollidieren ließ. Ab 1962 bezog er das relativ neue Medium Fernsehen in seine Kunst ein.
1963 zeigte er in einer Galerie in Wuppertal erstmals manipulierte
TV-Geräte ("Exposition for Music - Electronic Television"). Mitte der 60er
Jahre arbeitete Paik, der innerhalb der Fluxus-Bewegung eine bedeutende
Rolle spielte, bereits mit Videotechnik (unter anderem im Beuys-Happening
"24 Stunden"). Die Technologie steckte noch in den Kinderschuhen, als Paik damals die
künftige Bilderflut prophezeite: "Jetzt machen wir uns das Fernsehen
selbst." In gleichem Maß wie das Fernsehen seine Strahlen auf immer
tieferem Niveau in immer mehr Wohnzimmer schickte, wurden Paiks
Installationen aufwändiger, differenzierter. 1982 waren es noch 384
Monitore, die im Centre Pompidou in Paris für Aufsehen sorgten und ihn
weltweit auch jenseits von Künstlerkreisen bekannt machten. Bei den
Olympischen Spielen in Seoul ließ er 1988 einen Turm aus Monitoren
errichten. Bezeichnender Titel der Arbeit: "The more the better". Nam June Paik, der seit einem Schlaganfall 1996 an einen Rollstuhl
gefesselt war, starb am Sonntag in seiner Wohnung in Florida - zur
Primetime der US-Sender. "Das Fernsehen hat uns ein Leben lang attackiert,
jetzt schlagen wir zurück", war einer seiner berühmten Sätze über die
schöne, neue Medienwelt, der er in künstlerischer Form in spektakulären,
unterhaltsamen und tiefgründigen Arbeiten als erster einen Spiegel
vorhielt. |