07/2004
Nur wer’s nicht kann, kann’s Schief singen, hölzern dichten: Viele Künstler entdecken den
Dilettantismus als Erfolgsstrategie Was ist eigentlich das Ziel der Geschichte? Für Karl Marx und
Friedrich Engels war es bekanntlich die Freiheit, die es jedem erlaubt, „heute
dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends
Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe,
ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Es ist der Traum von
einer Art universaler Hobbykultur: Nicht länger gilt die platonische Maxime,
dass jeder – als Spezialist – „das Seine“ tun muss, um glücklich zu werden.
Endlich, so die kommunistische Utopie, soll sich jeder von den Zwängen befreien,
die ihm ein Beruf auferlegt. Diese Utopie scheint mittlerweile sogar
Wirklichkeit geworden zu sein – zumindest in der bildenden Kunst. Immer mehr Künstler sind in den vergangenen zehn Jahren dazu übergegangen,
das Prinzip des Readymade auszubauen. Traditionell wurden nur Dinge, Bilder und
Räume, die bisher Nicht-Kunst waren, zu Kunstwerken erklärt. Jetzt führen die
Künstler auch Tätigkeiten im Namen der Kunst aus, die bis dahin nichts damit zu
tun hatten – Service-Art nennt sich das. Christine Hill zum Beispiel
installierte auf der DocumentaX einen Second-Hand-Shop, andere Künstler richten
Reisebüros ein, betätigen sich als alternative Stadtführer oder kochen. Manchmal
wird eine Dienstleistung nur simuliert, manchmal leisten die Künstler aber
tatsächlich dasselbe, was sonst ein Ladeninhaber, Koch oder Streetworker
leistet. Sie ahmen dann deren Tätigkeiten unter dem Signum der Kunst nach und
legen es darauf an, dass das Publikum das Dargebotene als „echt“ akzeptiert und
seine Lust daraus bezieht, das „Echte“ zugleich als Kunst zu betrachten.
Verwundert fragt man sich, woher die Künstler eigentlich die Fähigkeit nehmen,
in so viele verschiedene Berufe zu schlüpfen. Die Frage wird noch dringlicher, da keineswegs nur die Service-Künstler in
anderen Rollen auftreten. Auch andere Künstler versuchen sich in ungewohnten
Metiers, wobei sie insbesondere mit anderen Sparten der Kultur oder mit den
Wissenschaften (kaum jedoch mit klassischen, aber weniger imageträchtigen
Handwerksberufen) liebäugeln. So betätigen sich immer wieder welche als DJs,
Musiker oder Sänger, als Autoren, Filmemacher, Kulturwissenschaftler oder
Couturiers, sogar als Biologen, Geografen und Ethnologen – dies alles jedoch
ausdrücklich in der Rolle des Künstlers und nicht als Berufswechsler. Selbst
internationale Stars wie Cindy Sherman drehen auf einmal einen Film oder
schreiben architekturtheoretische Texte wie Per Kirkeby. Erst recht ist es
üblich geworden, sich weit auseinander liegender Traditionen innerhalb der Kunst
gleichermaßen zu bedienen. Künstler wie Rosemarie Trockel oder Thomas Schütte
kennen keine Skrupel und probieren mit fast jeder Arbeit wieder eine ganz andere
Werkform aus, so als seien dazu keine Kenntnisse und Vorübungen nötig. Unter den
Jüngeren ist es sogar die Mehrheit, die damit kokettiert, zahlreiche
Ausdrucksformen gleichzeitig zu betreiben. Ein heutiger Absolvent einer
Kunsthochschule macht also Videos, inszeniert Performances, zeichnet, singt und
fertigt eine Kollektion mit selbst entworfenen Kleidern an. Natürlich gab es auch früher Künstler, die verschiedene Werkformen
beherrschten oder gar über das Feld der bildenden Kunst hinausgingen. Man denke
nur an so berühmte Namen wie Dürer, Michelangelo und Leonardo; jemand wie Carl
Gustav Carus ist heute sogar eher als Autor der Briefe über Landschaftsmalerei
denn als Maler bekannt. Hier handelte es sich um klare Fälle von Doppelbegabung,
die nach wie vor nicht ausgestorben sind. So sind die Texte von Thomas Huber
ähnlich interessant wie seine Bilder (wenn beides überhaupt zu trennen ist), und
David Hockney hat mit seinen Forschungen über die Handwerkstechniken der Maler
für die Kunstwissenschaft mehr geleistet als viele in diesem Fach Promovierte.
Die meis-ten jedoch, die sich gegenwärtig mit kunstferneren Methoden und Themen
beschäftigen, stehen eher unter dem Einfluss des erweiterten Kunstbegriffs von
Joseph Beuys, der sich ja auch als Sänger versuchte und zur Documenta 7 im Jahr
1982 mit dem Song Sonne statt Reagan reüssieren wollte. Was damals noch als ungewöhnlich galt, ist heute Normalität geworden, ja,
viele Künstler spüren einen gewissen Druck, sich dadurch zu beweisen, dass sie
in möglichst verschiedenen und zudem überraschend kombinierten Bereichen tätig
sind und nicht etwa lebenslang nur mit Stein oder Ton oder Video umgehen. Sobald sich die Arbeitszeit auf mehrere Metiers verteilt, droht jedoch
Mittelmaß und Semiprofessionalität. Zudem ist fraglich, welche Bereiche
überhaupt mit derselben Begabung zu erschließen sind und ob jemand, der an einer
Akademie aufgenommen wird, deshalb auch schon dazu geeignet ist, Drehbücher zu
schreiben oder Feldforschung zu betreiben. Das Terrain der bildenden Kunst hat
sich insgesamt – ganz im Sinne von Marx und Engels – in eine privilegierte
Spielwiese moderner Hobbykultur verwandelt, wo die Akteure das Gefühl haben, an
keine Grenzen gebunden zu sein und die einzigen Universalisten innerhalb einer
Welt voller Spezialisten sein zu dürfen. Wie laienhaft, wie authentisch Privilegiert ist diese Spielwiese, weil den Künstlern, die auf vielen
Hochzeiten tanzen, das Staunen als erste Reaktion fast gewiss ist: Als neue Form
von Zauberei wird angepriesen, was – bei nüchterner Betrachtung – doch meist nur
eine durchschaubare Flucht vor Schubladen ist, in die die Künstler auf keinen
Fall eingeordnet werden wollen. Hinzu kommt die Geduld der Betrachter: Wenn
etwas im Namen der Kunst geschieht, dann gelten Toleranz und Wohlwollen als
unverzichtbare Primärtugenden der Rezipienten, die im Zweifelsfall eher an sich
selbst als an den Künstlern zweifeln. Zwar hört selbst ein an bildende Kunst
gewohntes Publikum, wenn ein Künstler schief singt, findet das von einem anderen
(oder demselben?) Künstler produzierte Video eintönig geschnitten oder den Text
eines wieder anderen (oder des nochmals selben?) Künstlers hölzern formuliert.
Aber das Unbehagen wird kaum eingestanden, sondern die Laienhaftigkeit des
Gebotenen lieber zum Verfremdungseffekt umgedeutet oder als
sympathisch-authentisch gutgeheißen, da gerade nicht so „glatt“ wie von Profis
präsentiert. Ungeniert, unbedarft, ungestraft Vieles gleichzeitig zu machen bedeutet zwangsläufig, dass man über ein
Nachahmen nicht hinauskommt. Damit würden die heutigen Künstler einer ganz alten
Bestimmung entsprechen, wonach ihr Tun primär Mimesis sein sollte. Wie sie
ehedem Vögel mit gemalten Trauben täuschen wollten, schlüpfen sie nun also in
die Rollen von Dienstleistern, Musikern oder Wissenschaftlern, ja „malen“
verschiedenste Tätigkeiten nach, ohne darin jedoch etwas Originelles oder auch,
gemessen an den jeweiligen Standards, Vollwertiges zu schaffen, ja oft ohne
sogar genau Bescheid zu wissen, wie viel Know-how zu diesen Tätigkeiten gehört.
Vielmehr lässt sich künstlerseits mit einer Mischung aus Naivität,
Unverfrorenheit und Selbstüberschätzung ein Storyboard oder ein Lied komponieren
– und das Ganze schließlich mit mehr Selbstbewusstsein präsentieren als von den
eigentlichen Profis. Immerhin soll Kunst sein, was in diesem Fall
stattfindet. Dass beim Transfer in die Kunst sonst übliche Qualitätskriterien suspendiert
werden, ist weniger seltsam als das Phänomen, dass diese Laxheit fast nie zur
Sprache kommt. Aber, möchte man einwenden, findet nicht einfach ein Tausch der
Kriterien statt, sodass ein Text oder Video zwar nicht mehr nach den in
Literatur oder Film üblichen Standards beurteilt wird, dafür nun aber denen der
Kunst unterworfen ist? Das mag so sein, doch muss man den Wert dieser Standards
sogleich infrage stellen. Beliebt ist nämlich zum Beispiel, ein Stück Kunst
damit zu loben, dass es überraschen könne, mehrdeutig sei oder irritiere. Dies
sind jedoch, genau besehen, keine Qualitätskriterien, denn überraschen kann auch
etwas, das unerwartet schlecht ist, das Mehrdeutige kann einfach nur krude und
wirr sein, und Irritationen liefern nur selten einen Impuls zum
erkenntnisfördernden Umdenken, sondern stören bloß. Man erklärt also etwas, das an sich keinen Wert hat, zu einer positiven
Qualität – ähnlich einem, der vom Schicksal nicht begünstigt ist, sich und
anderen aber einredet, sein Leben sei abwechslungsreich und er mache immer
wieder neue Erfahrungen. Wo höhere Ansprüche unerreichbar sind oder nicht
wichtig scheinen, kann man mit solchen Kategorien ein Qualitätsbewusstsein
suggerieren, obwohl in Wirklichkeit ein Wertvakuum herrscht, das sich beliebig
füllen lässt. Die moderne Kunstkritik ist voll solcher Pseudostandards, was es
den Künstlern auch erst erlaubt, ungeniert, unbedarft und ungestraft zu wildern.
Das unterscheidet sie von Protagonisten anderer Bereiche, die sich umgekehrt
in Spielarten der bildenden Kunst üben, dabei jedoch als Hobbykünstler und bloße
Laien gehandelt werden oder sich eigens legitimieren müssen – und das nicht,
weil ihre Arbeiten absolut schlechter sind als vieles, was in der Kunst selbst
zirkuliert, sondern weil ihre angestammten Metiers nicht entsprechend offen
sind. Vor allem waren diese kaum mit der Idee des Readymade (und deren Folgen)
konfrontiert – alles, was von den etablierten Genres der Musik, Literatur,
Philosophie oder Wissenschaft abweicht, wird nach wie vor nur als Nebentätigkeit
wahrgenommen. Die Bilder von Paul McCartney, die Graphiken von Günter Grass oder
die Fotos des Jean Baudrillard haben es also schwer, und selbst wenn sie
ausgestellt werden, problematisiert jede Rezension, was der Rollenwechsel
bedeutet, während es umgekehrt nie jemanden stört oder wundert, wenn ein Maler
oder Fotograf sich auch einmal als Theoretiker versucht. Das Bewusstsein für Grenzen – und damit auch für Standards – ist somit
nirgendwo so gering entwickelt wie bei der bildenden Kunst. Dazu kommt, dass es
seit der Avantgarde zu deren Kennzeichen gehört, sich – anders als Technik oder
Wissenschaft – nicht mehr als kumulativ zu verstehen, sondern das Ethos von
Ursprung und Neuanfang zu propagieren. Anstatt nach immer mehr Perfektion zu
streben, sehen Künstler ihre Leistung im Gegenteil darin, möglichst viele
Bindungen zur Tradition aufzukündigen, indem sie bisher übliche Normen einfach
nicht erfüllen. Diese Art von Innovativität ist zwangsläufig mit einem Verzicht
auf Professionalität erkauft, ja wichtiger als diese ist die Geste des
Dementis. Viele Künstler splittern ihre Tätigkeit also auf, weil sie glauben, Kunst sei
immer „anders“ als alles, was sich über sie sagen lasse, und könne somit
durchaus genauso im Texten oder Kochen bestehen. Was zählt, ist die Buntheit der
Mischung, ja die Idee eines Universalismus, der als Gegenstück und Kompensation
einer Welt aus Fachidioten und Einseitigkeiten empfunden wird. In Wirklichkeit
jedoch handelt es sich nur um einen pauschalen Dilettantismus, sodass den
Arbeiten, die entstehen, und den Auftritten, die geboten werden, jene spezielle
Form von Faszination oder gar Erotik abgeht, die nur Professionelles ausstrahlt,
das Standards gehorcht und sie gar überbietet. Der Kunsttheoretiker Arthur C. Danto stellt die Skepsis gegenüber der
„Hobbyisierung“ der Kunst jedoch zurück, er äußert sich vielmehr wohlwollend
darüber, dass die Künstler davon entlastet sind, bei ihrer Arbeit weiterhin auf
etwas verpflichtet zu sein. Und er paraphrasiert sogar Marx und Engels, wenn er
schreibt: „Man kann jetzt am Morgen ein abstrakter Maler sein, am Nachmittag ein
Photorealist und am Abend ein minimaler Minimalist. Oder man schneidet
Bilderbögen aus oder macht, was einem, verdammt noch mal, Spaß macht.“ Wolfgang Ullrich lebt in München, ist Kunstwissenschaftler und lehrt an
der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Zuletzt sind von ihm erschienen:
„Tiefer hängen – Über den Umgang mit der Kunst“ und „Die Geschichte der
Unschärfe“, beide im Verlag Wagenbach