Salzburger Nachrichten am 12. April 2005 - Bereich: kultur
Kunst regt immer an

Wenn man für ein Kunstwerk Verständnis gewinnt, wird Lustgewinn erzielt

WIEN (SN, APA). Viele Menschen haben große Schwierigkeiten, moderne Kunst zu "verstehen". Man muss die Herausforderungen annehmen und verarbeiten, um dennoch zu einem "Kunstgenuss" zu kommen. Das bestätigen Untersuchungen am Wiener Institut für Psychologische Grundlagenforschung.

Dass "Schönheit" in der Kunst seit dem 20. Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund tritt, trübt dabei den Genuss für den Kenner offenbar wenig. Wie Helmut Leder, Professor am Institut für Psychologische Grundlagenforschung der Universität Wien durch psychologische Analysen - unter anderem durch auf wiederholten Befragungen beruhende Experimente - herausfand, kommt es bei der Wahrnehmung von Kunst zunehmend auf "Anregung" und "Interesse" an.

"Voraussetzung ist, dass sich der Kunstkonsument auf die Sache einlässt, sonst steigt er aus", sagte der Forscher, der erst seit kurzem an der Universität Wien arbeitet. Das würde auch erklären, warum moderne Kunst bei Außenstehenden, also Personen, die sich nicht der Herausforderung stellen, teilweise so vehement abgelehnt wird.

"Wenn man sich aber darauf einlässt, so werden bei erfolgreicher Wahrnehmung und dem Gefühl, ein Verständnis für das Kunstwerk erlangt zu haben, Lustzentren des Hirns angesprochen, ähnlich wie bei der Sexualität oder der Nahrungsaufnahme", sagte der Psychologe.

Für den Bereich Musik wurden bereits Studien mit Magnetresonanzbildern und Elektrokardiogramm (EEG) durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass das Hören der individuellen Lieblingsmusik die gleichen Areale im Gehirn aktiviert wie bei anderen Formen von Lust und Genuss.

Leder plant, ähnliche Studien auch bezüglich der Wahrnehmung von moderner Kunst durchzuführen. Psychologische Tests belegen jedenfalls, dass sich im Gehirn dabei ähnliche Vorgänge abspielen.