Dieses Künstlerschicksal kennt man in Österreich nur allzu gut: Radikal im frühen Werk, kommerzialisiert im späten. Hundertwasser fällt einem da ein, von der ökologisch bewegten Spirale bis zur Behübschung von Autobahnraststätten. Oder Kiki Kogelnik mit ihren „Cut Outs“ und ihren dekorativen Murano-Köpfen. Auch Niki de Saint Phalle konnte dem Reiz des schnellen Geldes zugunsten der Verwirklichung ihrer großen Vision nicht widerstehen: Ballerte sie in den 60er-Jahren noch hemmungslos aggressiv auf ihre Bilder, auf denen dann eingegipste Farbbeutel platzten und das jungfräuliche Weiß besudelten, fertigten ihre Assistenten später kunterbunte „Nana“-Skulpturen wie am Fließband an.
Und wozu das Ganze? Um einen esoterischen „Tarot-Garten“ in der Toskana zu finanzieren. Um die zwölf Mio. Dollar hat Niki de Saint Phalle für diesen Traum von ihr aufbringen müssen. Dafür wurde sogar einmal ein kitschiger Parfumflakon auf den Markt geworfen. Angeregt durch einen Besuch in Antoni Gaudis „Parc Güell“ 1955, verfolgte sie die Idee des eigenen Skulpturengartens bis zu ihrem Tod 2002. Das Areal, heute eine Stiftung, beherbergt mehrere begehbare Skulpturen, riesige fantastische Wesen aus bemaltem Polyester und Eisenbeton, geschmückt mit Mosaiken, Spiegel- und Keramikstücken.
„Im rechten Busen der ,Kaiserin‘ habe ich einmal übernachtet“, erzählt Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums in Hannover am Donnerstag im „Essl Museum“. Er ist Hauptleihgeber der kleinen Retrospektive der Künstlerin, die hier ab heute zu sehen ist. Das Sprengel Museum besitzt die größte Niki-de-Saint-Phalle-Sammlung, hat bereits zu Lebzeiten eine große Schenkung bekommen. In Hannover hatte die Künstlerin 1969 immerhin ihre erste Retrospektive, und die Stadt kaufte damals trotz öffentlichen Widerstands einige ihrer „Nana“-Figuren für den öffentlichen Raum an.
Zum Abschuss frei: Der Liebhaber
Die üppigen „Nanas“ mit den kleinen Köpfen sind ein gutes Beispiel für Niki de Saint Phalles Entwicklung: Die ersten entstanden in den 60er-Jahren nach dem Vorbild einer schwangeren Freundin. Die aus Stoffen und bunten Papieren zusammengebastelten Figürchen waren Symbole von Fruchtbarkeit und Matriarchat, eine Venus von Willendorf für die Hippie-Generation – auch wenn de Saint Phalle das urzeitliche Vorbild nicht gekannt haben will. In der Rotunde des Essl Museums stehen auf giftgrünem Kunstrasen hingegen auch aalgeglättete, teils golden beflügelte oder aufdringlich versphinxte Nana-Varianten, Modelle für den „Tarot Garten“.
Was erträglich bleibt, ist das – die Ausstellung dominierende – frühe Werk: Das „Porträt meines Liebhabers“, auf das Besucher 1961 mit Dartpfeilen schießen sollten. Die Fotos des schlanken Exmodels, wie es mit dem Gewehr zielt, um ihr Materialbild „Patriarchat“ zu „ermorden“. Oder die lebensgroße Skulptur der weißen Braut auf dem Pferd aus Plastikramsch. Treffsicher.
Bis 26.9., Di–So, 10–18h, Mi, 10–21h.
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