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KunstHausWien: Pierre & Gilles - "Arrache mon cœur"

Immer ein Sternderl im Ärmel

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Irgendwann werden Pierre & Gilles einen "Schmalzinfarkt" kriegen (weil ihre Kitschwerte deutlich erhöht sind). Sie haben sich ja sogar einer Schönheitsoperation am offenen Brustkorb unterzogen, um sich den unattraktiven, weil viel zu realitätsnahen Klumpen namens Herz verschönern zu lassen, ließen sich also das nüchterne Pumporgan in ein romantisches Valentinsherzerl umoperieren. Blödsinn. Das hab ich gerade erfunden. Aber wer ihre herzallerliebsten Bilder voll exzessiver Holdseligkeit sieht (handbemalte und üppig gerahmte Fotografien), der könnte versucht sein, die Geschichte zu glauben.
"Arrache mon coeur" (Reiß mir mein Herz heraus): Der Titel der Schau im KunstHausWien (bis 26. Mai), die eindeutig an den Weltfluchtinstinkt appelliert, klingt wie eine unsittliche Organspende. Im gleichnamigen Opus drückt ein bildschöner Mann eine stark blutende Innerei an seine nackte Brust, als hätte er gerade das Zentrum seines Blutkreislaufes manuell entnommen. Andererseits legt der blutrote, ziemlich fleischlich anmutende Rahmen nahe, dass man selber aus einer Operationswunde herausblickt (nachdem ein Löwe einen "operiert" hat).
Seit sich Pierre & Gilles (Nachnamen unbekannt und unerwünscht) 1976 bei der Eröffnung der Kenzo-Boutique in Paris kennen gelernt haben, sind sie unzertrennlich wie Castor & Pollux. Wie aus dem selben Ei geschlüpft. Praktisch ausnahmslos arbeiten Pierre & Gilles mit perfekten Körpern zum Anschmachten, die von Fitnessgeräten zurechtmodelliert worden sind wie von einem griechischen Bildhauer. Und das in Zeiten, wo auf jedem Silikonpäckchen und jedem Finger im Rachen eigentlich stehen müsste: "Warnung des Gesundheitsministers: Schönheit gefährdet die Gesundheit!" Die Modelle, die von ihnen penibel und schwülstigst und lasziv (manchmal unter Zuhilfenahme von professionellen Maskenbildnern und Friseuren) in Szene gesetzt und wie antike Götter und Helden, christliche Heilige oder wie Sexpuppen hergerichtet werden oder die einfach nur gekämmte, entschlackte Objekte der homosexuellen Begierde sind, weisen in der Regel keine Gebrauchsspuren auf. Und Gott bewahre, dass sie gar eine überschüssige Talgproduktion hätten!
Ganymed: Die höchste Verführungsinstanz der alten Griechen, Zeus, hat in Gestalt eines Adlers für sich einen Mundschenk gekidnappt (salopp gesprochen: einen Kellner). Pierre (Fotografie) & Gilles (unter dessen Pinsel jede Haut noch rosiger und zarter wird) machen daraus einen sentimental erotischen Kuschelsex zwischen einem makellos nackten Jüngling und einem edlen ausgestopften Federvieh. Alles andere als dreckige Sodomie.
Kühle Venus (wahrscheinlich einer Eisscholle im nördlichen Eismeer entstiegen): Laetitia Casta, die wie Claudia Schiffer, Catherine Deneuve oder Juliette Gréco eine Aufenthaltsgenehmigung in dieser fehlerlosen Fantasiewelt hat, ist eine beinah so gschamige Liebesgöttin wie Botticellis geburtsfrische Venus auf der Venusmuschel. Freilich hat sie nur ein halbherziges Schamgefühl und "vergisst", ihre Hand als Feigenblatt einzusetzen. Springen halt ein paar gefrorene Sternchen ein (notdürftig).
Immer haben Piere & Gilles einen Sternderlregen oder ein Herzerl im Ärmel und verprassen ihre Schmetterlinge, ihre Rosen und ihre Wattewölkchen. Ob honigbeschmierter Knabe, auf dem die Bienen picken, oder ein holder Bursch, der sein kariertes Kleidchen kokett in die Höhe hebt, alles ist so zuckersüß. Schon vom Hinschauen bekommt man Karies (oder Glücksgefühle). Es soll Leute geben, die so eine Ausstellung nur unter Vollnarkose verkraften, weil ihnen schon nach dem ersten "Sternenhimmel auf Erden" nach dem Speibsackerl zumute ist. (Ein Journalistenkollege, der sich heldenhaft von Schmalz zu Schmalz gequält hat, im O-Ton: "I hoits nimmer aus!") Ich hingegen fühle mich hier pudelwohl. Ich bin ja keine Diabetikerin.
Auf Schritt und Tritt begegnet man dem mehr oder weniger steifen Eros (dem anderen, tiefergelegenen "Bizeps des Mannes"), und wenn Gewalt, Martyrium oder Tod im Spiel sind, dann war sogar der Thanatos bei der Kosmetikerin. Na ja, auch im Märchenland sticht man sich dann und wann an einer Spindel oder wird vom bösen Wolf gefressen (aber rechtzeitig, bevor man verdaut worden ist, durch Kaiserschnitt gerettet). Und bis zum Heiraten wird alles wieder gut.
Komm, süße Beulenpest! Beulen hat er allerdings keine, der Pestkranke von Pierre & Gilles. Er hat ja nicht einmal schmutzige Zehennägel. "Mama!": Ein Bub in Trauer über sein blutiges, womöglich totes Plüschlämmchen. Das Kindergesicht ist aber nicht wirklich im Plärr-Modus, es hat lediglich aufgeklebte dicke Kullertränen auf dem perfekten, regungslosen Kindchenschema. Auf so gefühlvolle Weise derart emotionslos zu sein, ist auch eine Kunst.
Und wem sein eigener Geschmack nicht geheuer ist, weil er an diesem entrückten, glatten Schlaraffenland Gefallen findet (wo man in zartschmelzender Atmosphäre Urlaub vom Realitätssinn macht), der kann sich ja einreden: Ach, wird schon alles ironisch gemeint sein.

Erschienen am: 25.03.2002

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