Lebendig oder doch verzogen
Von Claudia Aigner
Es ist eines jener Bücher, bei denen man - bei aller
literarischen Toleranz - gar nicht erst wissen will, wie's ausgeht. Man
würde nicht einmal mit einem Ohr hinhören, wenn einem ein "Spaßverderber",
der das Buch halt schon gelesen hat, den Schluss brühwarm erzählen würde
("Du, i hoit's nimmer aus, i sog da jetz das Ende: ZZ Vermögensverwaltung
GesmbH"). Und besagtes Werk gehört zu den Büchern, wo man schon nach
wenigen Seiten - aber wahrscheinlich hat man bereits vorher zermürbt
aufgegeben - den Überblick verloren hat (wegen der vielen Namen, die doch
kein Schwein behalten kann). Das Interesse wach halten kann da auch nicht
der Umstand, dass jede Ähnlichkeit mit lebenden oder längst verzogenen
Personen nicht rein zufällig ist, ja nicht einmal unerwünscht ist, sondern
volle Absicht. Die Rede ist also vom Opus magnum der Telekom Austria.
Was das Telefonbuch hier zu suchen hat? Ich bin ja schließlich keine
Literaturkritikerin . . . Obwohl: Als diplomierte Germanistin muss ich
wenigstens den prägnanten, schnörkellosen Stil loben, der gleich zum Punkt
kommt, ohne um den heißen Brei herumzureden und den Leser unnötig auf die
Folter zu spannen. Und ich kann das beinharte Telefonbuchlesen im Bett als
alternativmedizinisches Schlafmittel wärmstens empfehlen - schon weil es
dem Schäfchenzählen geistesverwandt ist. Wie dem auch sei: Im Telefonbuch
namentlich erwähnt zu werden ist nun wirklich keine Kunst. Auf dem
Titelblatt verzeichnet zu sein, noch dazu mit Bild, das schon. Iris
Nemecek hat nämlich den diesbezüglichen Wettbewerb gewonnen, weshalb ihr
Boot ("Peggy's Cove") bis 2004 vor den Telefonnummern draußen vor Anker
liegt. Sie stellt aber natürlich nicht nur auf dem Telefonbuch aus,
sondern bis 10. September auch noch beim Exner (Rauhensteingasse 12). Mit
zwei Kollegen von der Akademie. Und irgendwie sehen die drei (alle aus der
Schmalix-Klasse) sehr miteinander verwandt aus. Alle malen sehr gezielt,
soll heißen: diszipliniert. Und bereiten die Welt ziemlich grafisch auf.
Und haben Freude daran, die Bildfläche zu organisieren. Und Lust auf
Farbe. Bei Aurelia Gratzer (wohl die Poppigste) sind die Farben
"unnatürlich" wie die E-Nummern, sprich: ganz besonders künstliche
Farbstoffe, die man sich freilich "gut reinziehen" kann. Iris Nemecek
wechselt reizvoll (und souverän) zwischen dem plakativ Grafischen und dem
"Malerischen". Und Christoph Schirmers Bildtitel suggerieren kleine
Geschichten. "Vaclav's Dream" etwa. Welcher Vaclav? Irgendeiner.
Schirmer: "Der Titel ist eigentlich: ,Vaclav würde seine Frau verkaufen,
wenn er ihn treffen könnte'." Den Marlon Brando nämlich, der hier fast
schon unverschämt schön (schön scheckig) von einem Plakat abgemalt ist.
Auch Vaclav will wie der Johnny aus dem Film "The Wild One"
(wienerisch gesprochen: "Da Wüde mit seina Maschin") sein und den braven
Bürgern seinen stinkenden Auspuff zeigen. Ein "Johnny ohne Filter", der
ohne Kat mit seinem einspurigen Benzinhengst (oder Benzinstute?) durchs
"Establishment" braust. Da war Marlon B. folglich noch windschlüpfrig und
hatte noch keine so sesshafte Statur wie während der Apokalypse.
Erschienen am: 29.08.2003 |
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