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Quer durch Galerien 29.8.2003

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Lebendig oder doch verzogen

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Es ist eines jener Bücher, bei denen man - bei aller literarischen Toleranz - gar nicht erst wissen will, wie's ausgeht. Man würde nicht einmal mit einem Ohr hinhören, wenn einem ein "Spaßverderber", der das Buch halt schon gelesen hat, den Schluss brühwarm erzählen würde ("Du, i hoit's nimmer aus, i sog da jetz das Ende: ZZ Vermögensverwaltung GesmbH"). Und besagtes Werk gehört zu den Büchern, wo man schon nach wenigen Seiten - aber wahrscheinlich hat man bereits vorher zermürbt aufgegeben - den Überblick verloren hat (wegen der vielen Namen, die doch kein Schwein behalten kann). Das Interesse wach halten kann da auch nicht der Umstand, dass jede Ähnlichkeit mit lebenden oder längst verzogenen Personen nicht rein zufällig ist, ja nicht einmal unerwünscht ist, sondern volle Absicht. Die Rede ist also vom Opus magnum der Telekom Austria.
Was das Telefonbuch hier zu suchen hat? Ich bin ja schließlich keine Literaturkritikerin . . . Obwohl: Als diplomierte Germanistin muss ich wenigstens den prägnanten, schnörkellosen Stil loben, der gleich zum Punkt kommt, ohne um den heißen Brei herumzureden und den Leser unnötig auf die Folter zu spannen. Und ich kann das beinharte Telefonbuchlesen im Bett als alternativmedizinisches Schlafmittel wärmstens empfehlen - schon weil es dem Schäfchenzählen geistesverwandt ist. Wie dem auch sei: Im Telefonbuch namentlich erwähnt zu werden ist nun wirklich keine Kunst. Auf dem Titelblatt verzeichnet zu sein, noch dazu mit Bild, das schon. Iris Nemecek hat nämlich den diesbezüglichen Wettbewerb gewonnen, weshalb ihr Boot ("Peggy's Cove") bis 2004 vor den Telefonnummern draußen vor Anker liegt.
Sie stellt aber natürlich nicht nur auf dem Telefonbuch aus, sondern bis 10. September auch noch beim Exner (Rauhensteingasse 12). Mit zwei Kollegen von der Akademie. Und irgendwie sehen die drei (alle aus der Schmalix-Klasse) sehr miteinander verwandt aus. Alle malen sehr gezielt, soll heißen: diszipliniert. Und bereiten die Welt ziemlich grafisch auf. Und haben Freude daran, die Bildfläche zu organisieren. Und Lust auf Farbe. Bei Aurelia Gratzer (wohl die Poppigste) sind die Farben "unnatürlich" wie die E-Nummern, sprich: ganz besonders künstliche Farbstoffe, die man sich freilich "gut reinziehen" kann. Iris Nemecek wechselt reizvoll (und souverän) zwischen dem plakativ Grafischen und dem "Malerischen". Und Christoph Schirmers Bildtitel suggerieren kleine Geschichten.
"Vaclav's Dream" etwa. Welcher Vaclav? Irgendeiner. Schirmer: "Der Titel ist eigentlich: ,Vaclav würde seine Frau verkaufen, wenn er ihn treffen könnte'." Den Marlon Brando nämlich, der hier fast schon unverschämt schön (schön scheckig) von einem Plakat abgemalt ist. Auch
Vaclav will wie der Johnny aus dem Film "The Wild One" (wienerisch gesprochen: "Da Wüde mit seina Maschin") sein und den braven Bürgern seinen stinkenden Auspuff zeigen. Ein "Johnny ohne Filter", der ohne Kat mit seinem einspurigen Benzinhengst (oder Benzinstute?) durchs "Establishment" braust. Da war Marlon B. folglich noch windschlüpfrig und hatte noch keine so sesshafte Statur wie während der Apokalypse.

Erschienen am: 29.08.2003

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