diepresse.com
zurück | drucken

05.04.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Altes Wasser, neue Mühlen
VON ALMUTH SPIEGLER
Après Viennafair. Drei Ausstellungen zeigen exemplarisch aktuelle Trends der Kunst.

Keine Vorhänge, keine Teppiche durften die puristische Architektur seines Hauses in der Wiener Kundmanngasse verschmücken. Und im Garten wollte Ludwig Wittgenstein sowieso nur eines sehen _ grün, grün und nochmals grün. Und jetzt das. Jetzt pritschelt ein zuckerlrosa Springbrunnen (Modell "Peichl") auf der Terrasse dieser Moderne-Ikone. Und drinnen wuchern an Türen und Wänden in derselben Mädchenfarbe kleine wulstige Zier-Geschwüre aus gehärtetem Kunstschaum. Franz West macht mit seinen verspielten Eingriffen die Strenge des Wittgenstein-Hauses noch deutlicher und thematisiert so auch dessen einstige Alienhaftigkeit in einer vom Barock geprägten Kulturstadt.
In der Fortsetzung der 2005 in der Galerie Thoman (Innsbruck) organisierten Gruppenschau "Der Ficker" - nein, nichts Unanständiges, sondern gewidmet dem Tiroler Herausgeber ("Der Brenner") Ludwig von Ficker - lud West jetzt noch einmal Kollegen wie Rudolf Polanszky ein, sich an diesem von Wien so vergessenen Ort mit Österreichs Moderne zu befassen; genreübergreifend mit dickem Essay-Band und reichem Rahmenprogramm. Immerhin standen Wittgenstein und der von Georg Trakl regelrecht besessene Publizist in regem Briefverkehr. Und 1914 spendete der Philosoph Ficker 100.000 Kronen, um sie an bedürftige Literaten zu verteilen.

An das Mäzenatentum erinnern auch "Clegg & Guttmann", die die Porträtmalerei der Jahrhundertwende fotografisch analysieren: Galeristen und Sammlersöhne posieren vor einer sich immer dramatischer verformenden Kulisse aus Kupferblech - ein Link zu den (Gold-)Hintergründen Klimts, der 1905 Ludwigs Schwester Margaret Stonborough-Wittgenstein malte. "Muntean/Rosenblum" beschrifteten die Wände mit ihren jugendkulturpessimistischen Anmerkungen über den gleichmachenden Individualitätskult oder das heute so überbeanspruchte, anachronistische Adjektiv "modern" - denn was soll danach nur kommen? Die Post- oder Postpostmoderne? Wohl nur für ein eingeschworenes Kunstfachpublikum. Die anderen fangen mit der in Österreich seit den Neunzigern wieder so gern betriebenen, teils ziemlich sperrigen Moderne-Rezeption vieler Künstler, meist aus der Zobernig-Schule, wohl nur wenig an.

Schnappende schwarze Quadrate

Da schnappt dann die gemeine Moderne-Falle zu, wie sie gerade die in Berlin lebende Iranerin Nairy Baghramian in der Akademie der bildenden Künste aufgestellt hat. Wie Mausefallen hat sie schwarze Rechtecke auf goldene "Zähne" aufgebockt. Eine Station der "Public Private Mystery Tour", die Kuratorin Eva Maria Stadler aus vier jungen, in Deutschland wohnenden Künstlern zusammengestellt hat - und damit kritisch auf den Markttrend der deutschen gegenständlichen Malerei reagieren will. Mit Neo-Romantik habe diese nach Stadlers Ansicht nämlich wenig zu tun. Zumindest die von ihr Gewählten bedienen sich einfach des kollektiven Bildgedächtnisses und übersetzen etwa Sujets Hieronymus Boschs ins Heute, wie Uwe Henneken es tut. Oder Katja Davar, die dräuende Wolkengebirge zeichnet, die in ihrer Tondo-Form an barocke Himmelskuppeln erinnern.

Ein traditionelles Format, das in Francesca Habsburgs gerade frisch erweitertem Kunstraum "T_Ba 21" auch Olaf Nicolai wählte, um die Miniatur-Fotos seiner Mini-Gärtchen ins rechte biedermeierliche Licht zu rücken. Auch hier, bei der Gruppenschau "Nature Attitudes", liegt der populäre Romantik-Verdacht also nicht gar so fern.
Und auch hier hört man, nachdem man mit Diana Thater in schwindelnder Höhe durch einen Urwald getrudelt oder mit John Bock durch Island gehumpelt ist, einen Springbrunnen - oder besser Wasserfall - plätschern. Szene-Darling Olafur Eliasson, der gerade eine Berliner Galerie mit einigen Tonnen Gletschereis zur Ur-Eistruhe scharlatanisierte, hat ihn im Hof des Palais aufgestellt. Und mit einem Gag versehen: Das Wasser fließt verkehrt herum. Was bei MC Escher noch die Perspektive bewirkte, besorgen hier freilich handfeste Pumpen.

© diepresse.com | Wien