Nach nur drei Monaten Umbau hat das Wien Museum
ein neues, sehr gelungenes Foyer, erweitert für Shop und Kassa, mit
schönen Durchblicken zum Atrium. Dazu gibt es einen neuen
Sonderausstellungsbereich im ersten Stock und eine Schülergarderobe sowie
einen Arbeitsraum im Untergeschoß.
Didi Sattmann hat diese Arbeit des Architektenteams BWM künstlerisch
dokumentiert, seine Fotos sind als Band im überdachten Innenhof zu sehen.
Die unaufdringlich eleganten Lösungen, mit großer Rücksichtnahme auf
Oswald Haerdtls Architektur, zeigen, dass Museumsumbauten – auch ohne
Sondermittel – gelingen können.
Unentdeckter Kontinent
Zur Wiedereröffnung ist der Stadtfotograf Wiens um 1900, August Stauda
(1861-1928), ausgewählt worden, der vor einem Jahr in Paris und schon in
der Alt-Wien-Schau neu entdeckt wurde. Der gebürtige Böhme zog 1882 nach
Wien und lernte das Fotografieren von seinem Onkel; sein erstes Atelier
war in der Schleifmühlgasse 5 angesiedelt, an der heutigen Adresse der
Galerie Kargl. Als eine Art John Ruskin in Sachen Denkmalpflege trat
damals Graf Karl Lanckoronski-Brzezie als Besteller auf, daneben aber
bereits das Historische Museum und private Auftraggeber, meist Architekten
und Künstler. Aus dem "unentdeckten Kontinent" (Direktor Wolfgang Kos) der
eigenen Bestände von etwa 3000 Aufnahmen hat Kuratorin Susanne Winkler
nach verschiedenen Kriterien ausgewählt. Stauda hielt vor allem die
abrissgefährdeten Vorstädte fest, die barocken und biedermeierlichen
Häuser und Innenhöfe, aber auch ihre Bewohner.
Wenig erhalten
Die ersten Fabriken, Geschäfte, Plakatwände und Zwischenbereiche wie
etwa Brunnen, Stiegen oder gepflasterte enge Gassen porträtierte er
allerdings ebenso. Nur ganz wenige dieser Gebäude, dabei eher die Klöster,
Kirchen, Palais oder der Andromedabrunnen, sind heute noch erhalten.
Geordnet nach Bezirken werden nun im Wien Museum Vergangenheit und
Gegenwart verglichen, Plätze im Wandel gezeigt. Die Werke des
Stadtfotografen – noch mit Sepiatönung aus Glasnegativen hergestellt –
sahen sich vom Straßenniveau aus der Sachlichkeit, nicht der Schönheit
verpflichtet: Foto galt auch noch nicht als Kunstrichtung.
Vom Glanz der neuen Ringstraße zeigt Stauda wenig, sein eigentliches
Metier ist das schäbige, dörfliche alte Wien, dem die Heimatschutzbewegung
allerdings eine Seele zusprach. Stauda wurde durch seine 20-jährige genaue
Arbeit bekannt, sehr bald nach seinem Tod aber wieder vergessen. Heute
entspricht seine Vorgangsweise der jungen Kunst, sich mit Vorliebe
konzeptuellem Forschergeist zu widmen. Dazu ist die Fotografie zum
beliebtesten Kunstmedium aufgestiegen.
Für die aktuelle Stadtforschung bietet er Details wie ein altes
Hauszeichen zum Löwen, zum weißen Rössel oder schwarzen Adler. Die Firma
Ankerbrot und die Bezeichnung Tabak-Trafik oder Glashandlung sind zwar
geblieben. Aber wer kennt noch ein Geschäft namens "Hut Niederlage" oder
die Bezeichnung Depot statt Geschäft, wo Milch, Früchte, Mehl oder
Resterln verkauft wurden?
Erschwingliche Abzüge
Vielleicht finden sich auch wieder Liebhaber für ein "Café Reklame",
ein "Gasthaus zum St. Florian" oder ein "Restaurant Tonello".
Seltenheitswert haben heute auch Canditen- und Zuckerwarenmacher,
Eisenmöbelgießereien oder Sonn- und Regenschirmerzeuger. Wer sich in eine
Ansicht verliebt hat, kann diese nicht teuer nachbestellen und zum
Abschluss von einem Logenplatz im ersten Stock den zukünftigen Kunstplatz
Karlsplatz betrachten.
August Stauda –
Stadtfotograf um 1900
Bis 27. August
Wien Museum
1., Karlsplatz
Empfehlenswert.
Donnerstag, 27. April
2006