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derStandard.at | derStandard.at | Kultur | Bildende Kunst 
31. Juli 2008
18:00 MESZ

Bis 21. 9.

 

Detail aus dem Bühnenbild für "Faust II" (Bonn 1982): Der "Antiken-porno" zeigt Goethe als einen sich an Antiken vergreifenden Lüstling.


Nibelungenlied als Zeus-Saga
Zwei große Ausstellungen widmen sich dem 80-jährigen Jubilar Hrdlicka - Skulpturen rund um sein Mahnmal am Albertinaplatz und eine universelle Inszenierung im Künstlerhaus

Wien - Die Überhöhungen stehen ihm nicht. Auf den Sockeln stehen seine Skulpturen besser als er selbst. Als "Titan" mythologisiert man den heuer achtzig Jahre alt gewordenen Alfred Hrdlicka, in Liebesdingen wird der österreichische Bildhauer gerne als "Dominator" ge-neckt. Mit Superlativen und Sockeln beschneidet man im Grunde aber nur die eigene Freude an Hrdlickas Werken. Den größten Genuss bringen diese immer noch, wenn man über seine lüsternen Späße und Frivolitäten aus vollem Halse lachen darf. Und dann den selbsternannten Uralt-Stalinisten bei den Schmerzensbildern am Ärmel zu zupfen, um anerkennend auf die Tränen im Augenwinkel hinzuweisen.

Und so, als wäre es auf seiner Bühne des Lebens eine dramaturgische Idee, entzieht er sich nun den ihm zugewiesenen Sockeln. Doch der Sitz im Rollstuhl ist unfreiwillig, ein Regieeinfall des Lebens. Damit rollt er nun durch zwei aktuelle Inszenierungen seines Schaffens: durch den neoklassizistischen Kunsttempel, das Künstlerhaus, und über das öffentliche Forum, den Albertinaplatz.

Justament dort, wo sein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus (1988/91) ärgste Kontroversen auslöste und er über Jahre hinweg giftige Kritik einstecken musste, wurde er nun stundenlang von autogrammhungrigen Fans belagert.

Acht Bronzeskulpturen des Künstlers von 1955 (Marsyas I) bis 1996 (Inkarnation) sind es, die die Galerie Ernst Hilger hier im Spannungsgefüge des Mahnmals aufgestellt hat, was dieses Gefüge nicht steigert, sondern aufsprengt. Darüber kann man leider nur ungläubig den Kopf schütteln und sich fragen, warum Hrdlicka selbst die Kraft seiner Installation schmälert. Und im Kopf spielt man andere Szenarien durch, stellt sich Rachel Whitereads Wiener oder Peter Eisenmans Berliner Holocaust-Mahnmal als Podest für andere Werke vor. Nein.

Herzenswunsch

Ein Herzsenswunsch Hrdlickas sei es gewesen, ebendiesen Platz mit seinen Arbeiten, die um menschliches Leid und Unterdrückung kreisen, zu bespielen und somit einen Ort persönlicher Schmach zu einem Platz des Triumphs umzufunktionieren. Menschlich betrachtet ist nachzuvollziehen, warum er die Arbeiten nicht in den Räumen des Künstlerhaus zeigen wollte.

Dort kommt die großzügige Weite, das Theatralische der Architektur, der aktuellen Inszenierung wunderbar entgegen: Der Titan und die Bühne des Lebens heißt die Ausstellung von Joachim Lothar Gartner und Peter Bogner, die aus einer Not eine Tugend machten. Denn ursprünglich war vorgesehen, die große Hrdlicka-Schau des Sammlers Würth in Schwäbisch Hall zu übernehmen. Diese wurde aber verlängert. Es sind Kleinode aus Hrdlickas Atelier, ihm wichtige Arbeiten, die er nahe bei sich hatte, von denen der Staub abgeklopft wurde. Riesige Theaterprospekte, die er zu Faust I und Faust II (1982) in Bonn fertigte. Hrdlicka illustrierte nicht, sondern schuf ein jüngstes Gericht, machte Goethe zum sich an der antiken Welt vergehenden Lüstling und servierte dazu Vergewaltigungs- und Folterszenen aus der NS-Zeit. Ein dramatischer, aber gelungener Rahmen für die bronzenen Pathosgesten von Marsyas oder dem Sterbenden. Ähnlich kraftvoll seine Arbeiten für Intolleranza 1960 in Stuttgart 1992.

Und spätestens bei den Nibelungen zeigt sich Hrdlicka wieder als Kobold und Clown, der als Porträt gemeinsam mit seiner Frau und Muse Angelina seine Bühne beobachtet. Man schmunzelt angesichts des Wodkadunsts überm Nibelungenlied, das er zu einer Zeus-Saga umfunktioniert hat und für das er sich selbst in allen Haupt- und Nebenrollen besetzt: alles Weibliche in Tiergestalten beschlafend. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 01.08.2008)


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