Die Erste Republik im Spiegel der Malerei

Von Patrizia Jilg


Die Ausstellung "Wenn es um die Freiheit geht: Austria 1918 -1938" vereinigt 100 Arbeiten aus 40 öffentlichen und privaten Sammlungen in Österreich, Deutschland, Tschechien und Großbritannien. Die Schau, die zuvor im Palazzo Lanfranchi in Pisa zu sehen war, wurde vom Innsbrucker Kunsthistoriker Christoph Bertsch organisiert und zusammengestellt.

Maximilian Florian (Zum Vergrößern anklicken)
Maximilian Florian (Zum Vergrößern anklicken)

Die Ausstellung zeigt eine spannende Gesamtschau des künstlerischen Schaffens in einer unsicheren und bedrohlichen Epoche der österreichischen Geschichte. Eine Geschichte, die geprägt ist von einer wachsenden Polarisierung der politischen Kräfte und von einer ständig zunehmenden Bedrohung der inneren Freiheit. Straßenkämpfe bestimmen den Alltag der Menschen. Die Künstler reagieren darauf und lassen Gewalt und Vertreibung die beherrschenden Themen ihrer Arbeit werden.

Neues Terrain

Oskar Kokoschka (Zum Vergrößern anklicken)
Oskar Kokoschka (Zum Vergrößern anklicken)

Bis in die 80er Jahre habe die Kunstgeschichte diese Themen verleugnet, meint Ausstellungsgestalter Christoph Bertsch. "Man kann nachlesen, dass sich österreichische Künstler nie tagespolitisch geäußert haben, das Gegenteil ist aber wahr", meint Christoph Betsch, Professor am Innsbrucker Institut für Kunstgeschichte. "Diese Ausstellung zeigt, dass eine Reihe hochqualitativer Bilder in dieser Zeit entstanden sind."

Bertsch verweist auf Arbeiten von Erika Giovanna Klien, auf Oskar Kokoschka mit seinem Bild "Anschluß - Alice im Wunderland" das im Londoner Exil entstand, oder auf Rudolf Wackers "Lädierter Kopf".

Außenseiterpositionen

Es geht in der Ausstellung aber nicht nur um die politische Freiheit. Das zeigt schon der Titel. "Wenn es um die Freiheit geht", ist ein Zitat aus dem Zyklus "Land der Seele" von Herbert Reyl-Hanisch. Dieser 24-teilige Werkzyklus gehört zu den unbekannten Kleinoden der österreichischen Kunstgeschichte und ist erstmals in seiner Gesamtheit in einer Ausstellung vertreten.

Reyl-Hanisch ist ebenso ein Außenseiter in der österreichischen Kunst wie Edmund Kalb, der sich im Lauf seines Lebens in mehr als 1000 Selbstdarstellungen dokumentierte. Eine ganze Reihe von Künstlern greifen in dieser Zeit zum Stilmittel des Selbstporträts: Oswald Baer etwa, Ernst Nepo, Rudolf Wacker und Herbert Böckl.

Schnelle Frauen

Eine andere Form der Suche nach der Freiheit unternimmt Herbert Reyl-Hanisch mit seinem Triptychon, das erstmals öffentlich gezeigt wird. Mit der Darstellung eines nackten Mädchens in Kreuzform stellt er die christliche Ikonografie auf den Kopf. Freiheit vor den tradierten Formen der Kunst fordern jene ein, die für die Befreiung vom Gegenständlichen eintreten. Der Wiener Kinetismus steht am Beginn dieses Aufbruchs in der Kunst. Er ist gegenstandslos, symbolhaft und dynamisch und seine Hauptvertreterinnen sind allesamt Frauen. In deren Abwendung von der traditionellen, gegenständlichen Kunst sieht Ausstellungsgestalter Christoph Bertsch auch Rebellion: "Ich sehe die Abstraktion in Österreich nicht nur als eine formale, sondern auch als eine inhaltliche Rebellion, was auch aus Zeitdokumenten klar hervorgeht."

Helene Taussig (Zum Vergrößern anklicken)
Helene Taussig (Zum Vergrößern anklicken)

Der Schrecken dieser Zeit gipfelt in allgegenwärtiger Bedrohung, die viele Künstler und Künstlerinnen zwingt, Österreich zu verlassen, eine ganze Reihe wird in Konzentrationslagern ermordet: Friedl Dicker, Helene Taussig oder Robert Kohl - sie alle sind mit wichtigen Arbeiten in der Ausstellung vertreten.

Tipps:

Die Ausstellung in der Galerie im Taxispalais ist bis 18. März zu sehen. Parallel dazu laufen in Innsbruck zwei weitere Ausstellungen, die sich - vertiefend zum Thema - mit jeweils einer Künstlerpersönlichkeit beschäftigen: So zeigt die Raiffeisen Landesbank Tirol in ihrer Kunstbrücke die Schau "Ernst Nepo", während das Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck Herbert von Reyl-Hanisch in den Mittelpunkt stellt. Es ist dies die erste Retrospektive dieser vielschichtigen und umstrittenen österreichischen Künstlerpersönlichkeit.

Link: Seite zur Ausstellung

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