| Salzburger Nachrichten am 25. Jänner 2006 - Bereich: Kultur
Leert keine Badewannen aus! HEDWIG KAINBERGER
Lernen wir von Joseph Beuys und wagen wir ein simples, kleines
"Gegenbild". Alle Welt wird in zwei Tagen einen runden Geburtstag feiern,
aber wir wollen hier gedenken, dass vor zwei Tagen eine runde Jahreszahl
(zwanzig) seit dem Tod Joseph Beuys' vergangen ist. Eigentlich sollte in dieser Kolumne Lustiges oder Amüsantes vorkommen.
Doch dies ist schwierig für einen Künstler, der uns zum Ernsten,
Rätselhaften, Intuitiven, Dunklen und Mythischen führt. Und doch: Einmal hat Beuys ein Foto mit der Aufschrift "Demokratie ist
lustig" zum begehrten Kunstobjekt gemacht. Allerdings war der Anlass dafür
nicht lustig: Es zeigte Beuys in langem Mantel und mit Filzhut in einem
Spalier von Polizisten. Beuys hatte zuvor mit Studenten das Sekretariat
der Akademie in Düsseldorf besetzt, um freien Hochschulzugang zu
erzwingen, und war deshalb fristlos entlassen worden. Beuys' Aufschrift
ist ein solches "Gegenbild", also die Darstellung des Gegenteils, um das
Eigentliche sichtbar zu machen. Aber halt! Eine Episode war lustig. Die
handelt allerdings weniger von Beuys als von einigen Damen, die 1973 im
Schloss Morsbroich für ein Sommerfest der SPD Stühle und andere Utensilien
suchten. Im Abstellraum fanden sie eine alte Kinderbadewanne voll
Mullbinden, Leukoplast, Fettklumpen und Vaseline. Weil die Wanne zum
Spülen der Gläser zu brauchen war, wurde sie von den emsigen Damen
gesäubert. Dummerweise war das die Wanne, in der Beuys als Baby gebadet und aus
der er ein Kunstwerk gemacht hatte, das nach einer Ausstellung in Schloss
Morsbroich dort verwahrt wurde. Im Prozess vor dem Landgericht Wuppertal
bekam der Eigentümer des Kunstwerks 80.000 DM Schadenersatz zuerkannt.
Gedankenlosigkeit hilft auch heute nicht, um Beuys' Kunst zu verstehen
oder wenigstens ihre Rätsel zu erahnen. Seine Genialität liegt in den
Erkenntnissen, die er in Zeichnungen, Multiples, Installationen und
Aktionen sowie in Worten ausgedrückt hat. Wer begonnen hat über die Formel
"Kunst = Kapital", den Satz "Jeder Mensch ist Künstler", den
"Wärmecharakter" von Filz, Honig und Fett sowie den Begriff der "sozialen
Plastik" nachzudenken, dem eröffnet sich ein faszinierendes Universum von
Politik, Natur und Kunst. Tod, aus und vorbei? Dies gilt nicht für Beuys. Den Tod hat er als
Beginn der Wiedergeburt verstanden. Und einmal hat er gesagt: "Wenn jemand
meine Sachen sieht, dem trete ich schon in Erscheinung." |