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DER STANDARD, 28. Februar 2001 |
Im Windschatten der
Vertriebenen
Der österreichische Künstler
Rainer Ganahl zeigt in der Wiener Galerie Nächst St.
Stephan sein Mixed-Media-Projekt "Sprache der Emigranten" - eine obszöne
Selbstinszenierung. Von Markus Mittringer.
Wien - Mit Erziehungskomplex hat
Rainer Ganahl 1997 in der Generali Foundation eine Liste all jener Denker
aufgelegt, die man als Mitglied des fortschrittlichen Kunstbetriebes
einfach gelesen haben muss: von Edward Saids Kolonialismusstudien bis zu
Susan Sontag und gar noch Jürgen Habermas. Er hat sie alle gelesen. Mehr
noch, er hat ihre Vorlesungen gefilmt. Zur Biennale in Venedig empfahl er
sich 1999 als Fremdsprachenlehrer. Im Juli 2000 hielt er im Salzburger
Kunstverein eines seiner Leseseminare ab: Unbehagen in
Österreich.
Ganahl ist immer auf der Höhe der Zeit, am
Puls der Betriebsdebatte. Jetzt auch wieder. In der Galerie Nächst St.
Stephan empfiehlt er sich gerade der Documenta 11. Als
Parade-Spartenübergreifer zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik. Wo
Soziologen, Politik- wie Kulturwissenschafter und andere Kunsttheoretiker
sich in offenen Plattformen ausführlichst besprechen, da sollte auch er
mitreden dürfen. Migration wird eines der großen Themen sein,
Kolonialisation ein anderes, die Massenvernichtungen der Vergangenheit und
die avancierten Techniken, ähnliche Effekte heute über den geschickten
Einsatz von Kapital zu erzielen.
Und damit er gegenüber der schnell
voraneilenden Zeit nicht zurückbleibt, hat er noch rechtzeitig ein Projekt
realisiert. Der Zufall, schreibt er, hätte ihn 1999 mit einer
deutschsprachigen Emigrantin zusammengeführt. Und, betroffen vom eigenen
Unwissen über die Schicksale der Nachkriegsgeneration hätte er sich zu
interessieren begonnen. Ganahl nutzt hier den Begriff "Mythos" in der
beliebt fahrlässigen Anwendung auf alles irrational Faszinierende, um sein
vorgeblich naives Interesse an der "verdrängten Nachkriegsgeneration" zu
umschreiben.
Rasch waren neun Originalemigranten gefunden
und bereit, vor Ganahls Kamera "freie" Gespräche zu führen, ja selbst "die
Wahl der Sprache ist frei - lehnen doch einige Leute es ab, Deutsch zu
sprechen". Damit sie sonst nicht auch noch irgendetwas ablehnen, hat
Ganahl erst gar nicht zielgerichtet nachgefragt: eher rhetorisch, um den
Gesprächen Länge zu geben. Oder auch ungeschminkt unvorbereitet: Der
Verleger Fritz Molden, von dem die Autorin Stella K. Hershan als für sie
wesentliche Verbindung zum Nachkriegsösterreich berichtete, war ihm
offensichtlich neu.
Und so dokumentieren die ungeschnittenen
Interviews nur vordergründig die Schicksale der Gesprächspartner. Es
dominiert die Absicht, Ganahls Interesse zu belegen, ihn als engagierten
Künstler zu qualifizieren. Denn auf Inszenierung wird größten Wert gelegt:
Den Videos beigestellt sind voyeuristische, fotografische Spurensuchen in
den Wohnungen und Gesichtern der Gesprächspartner. Findet sich nicht doch
irgendwo ein Andenken, ein Souvenir, ein Stückchen Sehnsucht nach der
alten Heimat?
Und: Es stellen sich jedem Linguisten
sämtliche Körperhaare auf, wenn da einer antritt, aus einem Sample von
neun Personen "die Sprache der Emigration" abzuleiten und dabei nicht mehr
feststellt als die Tatsache, dass manchen die neue Sprache fremd geblieben
ist, andere das Englische vollständig übernommen haben und dazwischen alle
erdenklichen Mischformen liegen.
Wozu das Ganze? Um in der Galerie "die Sprach-
und Lebenswelten ehemaliger Emigranten einem interessierten Publikum näher
zu bringen, das üblicherweise nicht die Wege in die Bibliotheken und die
historischen Archive sucht". Dort jedenfalls würde niemand ein
Emigrantenschicksal in der Auflage von drei Stück um öS 105.000 käuflich
erwerben - für den intimen Gebrauch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
© DER STANDARD, 28. Februar
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