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KunstHaus Wien: "Die Naive" - Außenseiter der Kunst

Versuch zur Korrektur der tradierten Kunstgeschichte

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Debattieren Sie mit!Die Künstler der Avantgarde in Paris bezeichneten sie oft als ihre Vorbilder: Maler wie Henri Rousseau, den malenden Zöllner, der in Frankreich der prominenteste Vertreter einer Kunstrichtung ist, die durch die Sammlerin Charlotte Zander nicht nur ein Museum bekam, sondern auch den Namen einer eigenen Stilrichtung: die Naive. Das ist wie die Gotik oder die Avantgarde der klassischen Moderne gemeint. Dabei ist es fast selbstverständlich, dass auch die Art brut mit Wölfli u. a. eine Heimat in diesem Museum gefunden hat, wenngleich Frau Zander diese Gruppe so genannter "zustandsgebundener" Maler von der Naive trennt und auch nicht zur Schau nach Wien mit dem Untertitel "Aufbruch ins verlorene Paradies" mitgebracht hat.
Gleich sind für sie die Grundkriterien einer früher nicht als "Hochkunst" verstandenen Gruppe; eine nicht nur für sie seit der klassischen Moderne und dem Gleichschalten von High and Low überholte Sicht.
"Die Naive" wandert nach dem 3. Februar 2002 vom KunstHaus Wien weiter nach Mannheim, Recklinghausen usw., bis sie wieder ins Schloss Bönningheim (bei Stuttgart) zurückkehrt, wo 400 bis 500 Werke von 4.000 ständig ausgestellt sind.
Hier, in der in Wien zu sehenden Schau, sind es etwa 200 Werke von 54 Künstlern, meist Malerei und Grafik, aber auch Holzskulpturen und andere plastische Arbeiten wie Erich Bödekers Bergmannstele oder Adam Zegadios "Adam und Eva". Drei Gemälde von Rousseau führen die französischen Vertreter an, die mit dem mythologisch starken André Bauchant auch am Anfang der Sammlerleidenschaft standen. Osteuropäer und selbst Haitianer kamen zu den Deutschen und obendrein ehemaligen Jugoslawen.
Es ging um die Außenseiterschaft dieser Richtung und nicht um Geld; die Sammlerin war auch lange Zeit Galeristin in München für eben diese Kunst. Sie begann mit Votivgaben, mit Avantgardekunst wie Beuys oder Ueckers, erst später kristallisierte sich "die Naive" heraus, mit dem Wunsch, das im Deutschen missverständliche Wort nicht mit einfältig, dumm oder sonntagsmalend zu verbinden, sondern mit jener neuen Einstellung zur Kunst im Sinne der Parallele zur klassischen Avantgarde, die auch gemeinsam mit diesen Künstlern ausstellten.
Die Naive war unter Hitler wie auch Stalin verboten, weil ihr Erzählreichtum natürlich auch Kritisches zu "verpacken" vermochte. Künstler ohne akademische Ausbildung ist die wissenschaftliche Definition für teils doch sehr erstaunliche Ergebnisse von Max Raffler, Nikifor, Sava Seculic, Morris Hirshfield oder Shalom of Safed u. a. Schade, dass die Art brut nicht in Konfrontation gestellt wurde, aber das wäre auch zur Neudefinition des Begriffs schwierig gewesen.

Erschienen am: 03.01.2002

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