Kunsthalle Wien: Walter Niedermayr - "Zivile Operationen"
Aufe, obe, aufe -wie Sisyphos
Von Claudia Aigner
Der Mensch bezwingt den Berg - unter Aufbietung all seines
Sitzfleisches. Er fährt also mit dem Sessellift hinauf. Oder hat beim
"passiven Bergsteigen" immerhin noch Bodenkontakt, wenn er sich mit zwei
Brettln unter den Füßen von einem Schlepplift abschleppen lässt, dem
Gipfelsieg entgegen. In der Kunsthalle Wien wird der Besucher (bis 27.
April) Zeuge von einem solchen "Almauftrieb mit dem Schlepplift".
Zumindest solange er es aushält, sich den schockierend realitätsnahen
Endlosfilm anzusehen, wo in quälender Eintönigkeit Skifahrer nach oben
gezogen werden. (Skifahren, das ist bekanntlich ein Sisyphos-Sport - aufe,
obe, aufe, obe -, nur eben ohne Stein und ohne Frustration. Im Idealfall.)
Dann und wann schert freilich einer aus dem Herdentrieb aus und frönt
seinem ganz individuellen, draufgängerischen Liftfahrstil. Da gibt man
sich dann der vagen Hoffnung hin, dass dieser Nonkonformist seine
Liftfahrkünste überschätzt und wenigstens eine kleine Massenkarambolage
verursacht. Aber der Südtiroler Walter Niedermayr befriedigt auch mit
seinen Videos die Sensationslust nicht. Wenn ihn der Berg ruft, nimmt
er seinen Fotoapparat mit. Und sucht die berührte Natur, also sozusagen
die gebrauchsfertige, benutzerfreundliche Landschaft, wo Liftanlagen und
Torstangen herumstehen. Und wo man mit Schneekanonen um sich schießt.
Denn: Vertrauen ist gut (zum Beispiel darauf zu vertrauen, dass es im
Winter von selber schneit), Schneekanonen sind besser. Damit alles
zuverlässig verschneit ist wie ein Winterurlaub in der Schneekugel. (So
ein künstliches Skiparadiesgärtlein unter einer Kuppel, den "Tokyo Ski
Dome", wo aber vermutlich trotzdem nicht die im Labor gezüchtete
Schneesorte "Kilimandscharo" liegt, hat der autodidaktische Fotograf,
nebenbei bemerkt, ebenfalls vor der Linse gehabt.) Niedermayr, der niemals
auf die Idee käme, die Apparaturen und Prothesen der Tourismusindustrie
wegzuretuschieren und meist in Serien oder mit zusammengepuzzelten
Bildsequenzen arbeitet, betreibt aber keine Zivilisationskritik nach dem
Motto: Seht, die schmerzensreichen Alpen, die ihr mit eurem Tourismus
geschunden und verschandelt habt! Sein Blick ist distanziert, geradezu
prosaisch bzw. unpersönlich. Er versucht ja nicht, die sanguinisch
spritzige Persönlichkeit einer Schneekanone herauszuarbeiten oder eine
Charakterstudie über Liftstützen anzufertigen. Und in der Regel hält er
auch noch mehr als nur einen Respektsabstand zum Geschehen, stürzt sich
also nicht aus einem kühnen Blickwinkel heraus aufs interessante Detail,
sondern behält aus der Ferne den Überblick über das große Ganze, etwa über
Leitsysteme, ergo darüber - unter anderem -, wie Slalomfahrer durch lange,
flexible Stangerln diszipliniert werden. (Oder, in seiner Gefängnisserie,
wie die rechtskräftig verurteilte Masse in den "Strafvollzugsfabriken"
überschaubar portioniert wird - mithilfe von Gefängniszellen.) Und er
verscheucht selbstverständlich nicht einmal die Menschen aus seinen
Bildern, auch wenn sie meist nur Skianzüge oder Bergschuhe tragende Tupfer
in der übermenschlich großen Landschaft sind. Mitunter geht der
Minimalismus sogar so weit, dass die Wintersportler klitzekleine
herumtollende Ameisen in einem kaum noch als winterliche Gebirgslandschaft
zu erkennenden Weiß sind. Da sieht man dann den Schnee vor lauter Weiß
nicht mehr. (Diese fast abstrakten Fotosequenzen halte ich für besonders
gelungen. Eigentlich Malerei, hergestellt mit den Mitteln der Fotografie.)
Auffallend: die ausgebleichten, anämischen Farben (obwohl ich
persönlich ja eine Freundin des safttriefenden Kolorits bin). Das kommt
von der vorsätzlichen Unterbelichtung beim Entwickeln. Dadurch erreicht
Niedermayr immer wieder eine unwirkliche, entrückte Lichtsituation.
Besonders in seinen ernüchternden, trostlosen Krankenhausbildern.
Erschienen am: 03.03.2003 |
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