| Salzburger Nachrichten am 2. März 2006 - Bereich: Kultur
Gespensterfilm mit Klimt Das Timing hätte besser
nicht sein können: Gerade ist der Name Gustav Klimt in aller Munde, da
startet der Film von Raoúl Ruiz über den Malerfürsten in den Kinos.
ERNST P. STROBLWIEN (SN). Ein ob der Restitutionsgeschichten ungewollt
höchst aktueller Film über den Wiener Malerfürsten, und das auch noch mit
einem echten Hollywoodstar, der Klimt verblüffend ähnlich sieht: John
Malkovich stellte sich gestern, Mittwoch, im Leopold Museum den Kameras
und Mikrofonen. Malkovich spielt Gustav Klimt in einem äußerst opulent
ausgestatteten, glänzend besetzten Film. Der chilenisch-französische Regisseur Raoúl Ruiz - auch für das
Drehbuch verantwortlich - schuf keine Schulfilmbiografie, keine lineare
Darstellung, auf dass die Welt den Menschen und Künstler hinter dem
berühmten Namen kennenlernt, sondern eine Fantasmagorie über Klimt und das
österreichische Fin de Siecle mit den Eckpfeilern Klimt und Schiele. Klimt liegt am Totenbett und lässt sein Leben Revue passieren, so der
Grundgedanke. Zeitgenossen, Frauen, Förderer und Feinde tauchen auf, Egon
Schiele bildet sozusagen die Erzählachse. Dass noch dazu oft
Traumsequenzen und Wirklichkeit durcheinander gemischt werden, lässt den
Film selbst zu einer Art Traum werden. Wer bisher nichts über Klimt wusste, wird nach dem Film auch nicht
besser informiert sein, aber sicher höchst beeindruckt über das aufwändig
ausgestattete, in filmtechnischer Hinsicht nahezu musikalisch bewegte Opus
sein. Ob der Film ein "breites" Publikum anzusprechen vermag, sei
dahingestellt, Liebhaber von arte oder Cineasten werden sicher Freude
daran haben. Ich wusste nie genau,was wir da machen Einfach machte es Raoúl Ruiz auch der "besten Crew, die ich jemals
hatte" (Ruiz) nicht. Aglaja Szyszkowitsch, die "Mizzi" spielt, brachte es
beim Pressegespräch charmant auf den Punkt, als sie von der Spontaneität
des erfahrenen Regisseurs bei den Dreharbeiten erzählte: "Ich wusste nie
genau, was wir da machten." Dennoch wäre allein die Arbeit mit John
Malkovich der "schönste Dreh gewesen, den ich jemals hatte". Veronica Ferres hat von Simonischek zu Malkovich gewechselt, sie spielt
die "platonische Liebe" Klimts, Emilie Flöge - übrigens nicht blond,
sondern ganz dunkel. Optischer Aufputz sind weiters - neben zahlreichen
nackten Modellen - Sandra Ceccarelli als Serena Lederer oder Saffron
Burrows als rätselhafte Tänzerin mit Traumbild-Doppelgängerin. Der junge
Nikolai Kinski spielt - und sieht fast exakt aus wie - Schiele. Er habe in
der Albertina vor den Schiele-Zeichnungen gestanden, seitdem wäre er
besessen. Er habe nur die Selbstporträts, die er gesehen habe, "zum Leben"
erwecken müssen, so Kinski. John Malkovich, der mit Ruiz 1999 bereits die Marcel-Proust-Verfilmung
"Die wiedergefundene Zeit" gedreht hatte, war es ein Anliegen, "keine
Biografie" zu machen. Mit dem Ergebnis sei er sehr zufrieden. Nicht nur
mit Klimt wäre er nun sehr vertraut, auch die Namen Wittgenstein, Freud
und Schnitzler kamen ihm locker über die Lippen. Regisseur Ruiz, ebenfalls Kenner österreichischer Geistesgrößen von
Stefan Zweig bis Schnitzler seit Jugendtagen in chilenischen
Kaffeehäusern, meinte auf die Frage, ob "Klimt" ein typischer Ruiz-Film
geworden sei: "Wer weiß? Es ist ein Gespensterfilm, wie einige meiner
Filme. In dem Fall stirbt ein berühmter Mann, und erinnert sich kurz vor
seinem Tod an sein Leben, das aber ein hypothetisches war." Im Hinblick
auf seine Vertrautheit mit der europäischen Kulturgeschichte fügte Ruiz
an: "Für mich bedeutet der Film paradoxerweise, in mein Heimatland
zurückzugehen, obwohl ich vom anderen Ende der Welt komme." Geistiger und organisatorischer "Vater" des Klimt-Filmes ist übrigens
Mitproduzent Dieter Pochlatko (epo-Film), Unterstützung fand er u. a. beim
Österreichischen Filminstitut und dem ORF. |