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17.03.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Kunst: Wie ein Erlebnispark
VON ELISABETH KRIMBACHER
Gelitin machen Kunst nicht für den Katalog, sondern zum Angreifen, eintauchen, Riechen, Fühlen, Schwitzen. Jetzt auch in der grossen Mozart-Ausstellung in der Albertina. Ein Gespräch.

Kaum etwas, das im herkömmlichen Leben brauchbar wäre, gibt es in diesem Atelier. Plastilin überall, undefinierbare Dinge ragen aus der Wand und aus dem Boden, Schaumstoff, Gerümpel. Ein junger Mann sitzt mit Riesenschere auf einem Berg von Stofftieren und schneidet jedem Einzelnen den Kopf ab. Manche Tiere schreien sogar dabei. Und dann kommt Florian Reither, ein zwei Meter großer Kavalier, und richtet geschwind einen gemütlichen Platz mit Teejause inmitten dieses Wahnsinns ein. Die Künstlergruppe Gelitin, ehemals gelatin, besteht aus den vier Freunden Ali Janka, Wolfgang Gantner, Tobias Urban und Florian Reither, die eines Tages auszogen und beschlossen, die Menschen mit dem zu versorgen, was sie wirklich brauchen: Kunst als Glücksversprechen, Kunst als Tor in eine andere Welt.

Sind Sie seit dem Salzburg-Skandal um ihre Statue „Arc de Triomphe“ (nackte Männer-skulptur mit Wasser speiendem Phallus) maßgeblich berühmter geworden?

Salzburg war super. Herr und Frau Österreicher kennen uns seitdem. Aber was bringt uns das? Die geben uns ja nix. Wir brauchen kein Massenpublikum für das, was wir tun. Wir verkaufen ja keine Schallplatten, wir wollen ja nicht die Stadthalle füllen. Aber wir wurden dann in Tirol darauf angesprochen. Die Tiroler fanden vor allem super, dass das Ganze in Salzburg passiert ist. Hätte das Ding in Innsbruck gestanden, na ja. Wir haben uns Ski beim Skiverleih ausgeborgt und als der Mann dort draufgekommen ist, dass wir das gebaut haben in Salzburg, haben wir um zehn am Vormittag gleich einen Schnaps gekriegt. So eine Art von Popularität hat man dann.

Aber Mozart ist trotz dieser unerfreulichen Salzburg-Erfahrung noch interessant?

Mozart ist fantastisch und wird von uns gehört und geliebt. In der Albertina gibt es von uns eine Omi zu sehen, die ist klein, schwarz und dick, sitzt auf einem grünen Sessel mit weißen Löwenfüßchen und aus ihrem Kopf wachsen Blumen. Ein Strauß, der leuchtet. Schön anzusehen, ein Stück Rokoko, klassisch wundervoll. Die Ausstellung ist eine Huldigung des freudvollen Lebensgefühls, das die Musik von Mozart vermittelt.

Sie wollen „Situationen schaffen, die die Menschen vermissen“. Was vermissen sie denn?

Die Menschen sind total entfremdet. Unsere Arbeit ist eine Variante zum Alkoholismus oder zum Drogenkonsum. Aber nicht in einem erzieherischen Sinn. Du gehst wo rein und machst einfach eine neue Körpererfahrung. Als Khomeini in den Iran zurückgekehrt ist, Ende der 70er-Jahre, gab es im Fernsehen Übertragungen, die Selbstgeißler gezeigt haben. Die wurden damals als der abschreckendste Wahnsinn schlechthin abgetan. Das war ja extreme Propaganda. Aber ich glaub immer mehr, dass solche Selbstgeißelungs-Prozessionen wirklich notwendig sind. Das sollte es bei uns auch geben. Alle sollen das mal selber machen, dann spüren sie sich wieder richtig. Ich glaube, das wäre besser als Marathonlaufen.

Muss eine Arbeit in erster Linie mal Ihnen selbst Spaß machen?

Es gab schon Arbeiten von uns, die kauft dann wer und hängt sie einfach verkehrt herum auf. Und da stehst du dann davor und denkst dir, na ja, auch o.k., irgendwie, wenn er glaubt. Die Arbeit wurde ja auch nicht schlechter deswegen.

Wenn Sie eingeladen werden, passiert meistens etwas Wildes, Unvorhergesehenes. Gibt es da schon eine gewisse Erwartungshaltung von Seiten der Kuratoren oder Museen?

Man lernt sehr bald, wenn man Ausstellungen macht, wie man die Strukturen in einem Museum oder einer Galerie so ausnützt, dass es einem persönlich den größten Nutzen bringt. Weil sonst macht das ja keinen Sinn. Wenn mir wer sagt, wir werden eingeladen, damit wir was Wildes mit vielen Nackten machen und es dann skandalöse Presse gibt, da kann ja dann nur das Gegenteil rauskommen. Es ist schon wichtig, dass es uns gefällt, sonst könnten wir ja gleich arbeiten gehen. Wir sind ja nicht angestellt bei einem Museum.

Ihre Arbeiten funktionieren international sehr gut, Sie arbeiten mit den weltweit renommiertesten Galerien. Ist das Publikum in anderen Ländern offener als in Österreich?

Meine Schwägerin (von Florian Reither, Sprecher der Gruppe, Anm.) ist aus Afrika, die hat gesagt: Eh super das Zeug, aber wenn ihr das im Sudan macht, werdet ihr gleich gesteinigt. Also, ich weiß nicht, ob andere Länder offener sind. Wir haben immer einen Haufen Ideen und es gibt immer den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort für die Umsetzung. Wir wissen dann, dass die Leute in einem bestimmten Land genau diese bestimmte Arbeit brauchen. Es gab zum Beispiel ein Klo mit einer Spiegeloptik – das war in London eine totale Sensation. Da sind die Leute Schlange dafür gestanden. Und da kommt man auch erst später drauf, weil niemand drüber gesprochen hat, aber alle wollten es ausprobieren.

Dauernd muss man sich nackt ausziehen bei Ihren Projekten.

Das Nette beim Ausziehen ist, dass das Ganze dann so demokratisch wird, das levelt sich dann so ein. Da bist du nicht mehr gut, bzw. besser als der andere angezogen. Alles normalisiert sich dadurch und die Leute benehmen sich ganz anders als vorher.

Wie finden Sie die Freiwilligen für ihre Installationen?

In München haben wir einen Turm aus ganz dicken Leuten in Badehosen gebaut. Wir schalten einfach ein Inserat und suchen fette Statisten. Es gibt auch Leute, die werden vom Sozialamt hingeschickt, Unvermittelbare, die müssen dann bei uns mitmachen. Zwei solche Typen waren dabei bei „Schlund“, die waren eigentlich komplett durchgeknallt, nachher aber richtig begeistert vom Projekt. Die sind immer zusammen auf einer Etage gesessen und haben sich angefreundet. Später ernannten wir die zwei dann zu unseren Pressesprechern. Sie gaben wunderschöne Fernsehinterviews, in denen sie wahnsinnig ernst und sachlich erklärten, worum es da geht. Die waren fantastisch, die Leute vom Sozialamt.  

Ihre Projekte sind überhaupt sehr sozial, könnte man sagen.

Der Hase ist zum Beispiel eine extrem soziale Sache. Kleine Mädels sind auf den Hasen geklettert und haben gerufen „Che bello, che bello!“ Da gehen auch dauernd Leute rauf und reparieren ihn. Kaum hat er eine Laufmasche, kommt wer mit dem Nähzeug aus dem Tal und es wird genäht.

Diese Idee, dass alles vergänglich ist und zerfällt, ist ja auch sehr praktisch, weil dann braucht man sich nicht darum zu kümmern, dass das Zeug länger hält. Der verfault jetzt einfach am Berg, der Hase, oder?

Der verfault nicht, der wird grad vom Schnee gewaschen. Ich find außerdem sowieso nicht, dass er tot ist. Der ist runtergeplatscht. So sieht man viele wilde Tiere heutzutage. Wann haben Sie Ihren letzten lebenden Igel gesehen? Die schauen eben jetzt so aus. Außerdem ist das angenehm, wenn man sich so in seine Gedärme kuschelt wie eine Made.  

Mit einem Papa, der so verrückte Sachen macht, müssen Ihre Kinder doch eigentlich sehr glücklich sein?

Ich hab drei Schwestern und die behaupten alle unabhängig voneinander, sie seien von unseren Eltern komplett falsch erzogen worden. Sie führen aber alle ganz unterschiedliche Sachen an, was genau schief gelaufen ist an der Erziehung. Es ist also total egal, was du machst als Elternteil, es ist sowieso falsch. Je früher man das versteht, desto besser.

Ihre Kunst ist manchmal fast pubertär „oversexed“. Sie sind ja auch nicht mehr die Jüngsten, verändert sich der eigene künstlerische Geschmack mit der Zeit?

Alt werden ist schiach. Die Arbeit wird aber immer besser. Der taiwanesische Künstler Michael Lin sagt: „Daran merkt man, dass man älter wird: Früher hat man sich gern über andere Körper unterhalten, jetzt spricht man nur mehr über den eigenen.“

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