DiePresse.com | Meinung | Gastkommentar | Artikel DruckenArtikel drucken


Kunst hier und jetzt

19.11.2007 | 18:08 | GASTKOMMENTAR VON PETER NOEVER (Die Presse)

Auf der Höhe der Zeit agierende Institutionen müssen Kunst aktiv generieren. Als bloß historisches Kulturerbearchiv ist die so genannte „Sammlung Österreich“ von gestern.

Jede Zeit hat ihre Kunst, doch nicht jede Kunst findet ihre Zeit. Und hierzulande? Eingelebte Gepflogenheiten be- wahrend, wird Überkommenes verwaltet; Traditionspflege aber gerät zum Salto mortale rückwärts, sofern sie Aktuelles hintan hält – no risk, no art. Eine mit der Zeit gehende, zukunftsorientierte Kulturpolitik ist hoch an der Zeit. Geht die Kunst, namentlich ihr zeitgenössischer Part, verloren, so gehen wir mit; dabei haben wir – als Staat, als Gesellschaft – nichts zu verlieren, vielmehr Welten zu gewinnen.

Kunst ist, wo das Mögliche im Wirklichen überlebt; als Enthüllung, was sein könnte, legt sie utopische Horizonte frei, löst sie – zumindest für Augenblicke – den Bann des Bestehenden. Zum andern ist Kunst eine vielfältige Praxis der Wirklichkeitsanalyse und – sei's als kritische Konfrontation mit dem Etablierten, sei's als Motor gesellschaftlicher Selbstreflexion – heutzutage unverzichtbarer denn je.

Wir leben in marktgläubigen Zeiten. Will sie keine Kunstfehler begehen, muss sich die Kunst ökonomischen Imperativen verweigern; Selbsterhaltung durch Anpassung zeitigt fatale Folgen: eine marktgängig-gefällige, domestizierte Kunst.


Die Kunst ist staatenlos

Daher steht der Staat in der Verantwortung, die Kunst – besonders die von ihren Zeitgenossen oft unverstandene randständige, avantgardistisch-experimentelle – vor den marktlogischen „Sachzwängen“ zu schützen, ohne in dieselbe einzugreifen. Die Kunst ist staatenlos.

Ohne Heute kein Morgen; zeitgenössisches Kulturschaffen hat – etwa was museale Sammlungstätigkeiten anlangt – oberste Priorität: Auf der Höhe der Zeit agierende Institutionen müssen Kunst aktiv generieren, direkt am Ort des Geschehens aufsuchen. Als bloß historisches Kulturerbearchiv ist die so genannte „Sammlung Österreich“ von gestern. Indessen lägen zukunftsweisende, einen sinnvollen Umgang mit zeitgenössischer Kunst garantierende Projekte längst beschlussreif vor, z. B. die MAK-Strategie CAT (Contemporary Art Tower). Gegenwartsvergessenheit und kein Ende?

Keine Kunst ohne Künstler; um deren legitimen Interessen die Teilhabe am politischen Entscheidungsprozess zu ermöglichen – zumal besagte Künstler für ihre eigenen Belange wohl die kompetentesten Experten sind – muss die zeitgenössische Kunst endlich mitregieren, am besten in Person einer Staatssekretärin für Gegenwartskunst. Welch progressives gesellschaftspolitisches Experiment würde es darstellen, allseitig Künstler- bzw. Künstlerinnenquoten festzulegen: in den Schulen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk usw. usf.

Zeitrichtige Kunstpolitik ist gleichbedeutend mit Risikofreude. Also: Warum nicht genuin künstlerische Praxen auf die vorgegebenen bürokratischen Strukturen anwenden? Weshalb nicht einheitslose Mannigfaltigkeiten – wie die differenzielle Pluralität der Museumslandschaft – zulassen? Wieso nicht die geschlossene Museumsorganisation aufsprengen, indem man die Kunsttragenden unterschiedlichen Ministerien – dem Verteidigungsressort inklusive – zuweist? Überdies sollte es der zeitgenössischen Kunst erlaubt sein, bislang fremde Territorien – etwa das Naturhistorische oder das Pathologisch-Anatomische Museum – zu besiedeln. Eines schickt sich nicht für alle: Die Fusion der Museen käme einem artifiziellen Verwaltungskonstrukt gleich. Niemals darf die Gegenwartskunst Monopol eines einzelnen Museums sein – im Gegenteil; spiegelt sich die Vielzahl künstlerischer Positionen institutionell nicht wider, kommen den Künstlern die Ansprechpartner abhanden.

Allein schon die Frage, ob der Kunst noch Relevanz eignet, beweist hinlänglich deren Unabkömmlichkeit. Gebieterischen Rechtfertigungszwängen unterworfen, hat die Kunst fortwährend den Beweis ihrer „Nützlichkeit“ und Effizienz anzutreten; Ausdruck dieser Problematisierung sind die wiederkehrenden Evaluierungen. Man darf wohl fragen: Anhand welcher Kriterien wird hier bewertet? Kommen derlei Kriterien konsensual zustande? Wer evaluiert die Evaluatoren? Wie steht es um die Absichten der Auftraggeber? Dienen behördliche Evaluationen nicht häufig als Vorwand für längst beschlossene negative Sanktionen respektive dem Zweck, Entscheidungen hinauszuzögern? Nebenbei bemerkt: Wer die Museen über einen Kamm schert, tut jedem einzelnen von ihnen Unrecht.


Vorrang für Gegenwartskunst

Was also tun? Offene Diskussionen – die „aktive Teilhabe der Bevölkerung“ – sind notwendig, jedoch nicht hinreichend. Gedankenvoll, aber tatenarm, so wird hierzulande theoretisiert, obwohl längst offenkundig ist, was praktisch zu tun wäre. Die Diagnose ist scheinbar jene Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Irgendwann muss man auch handeln – damit von der zeitgenössischen Kunst fortan nicht mehr gilt: Am Leben sein heißt nicht leben. Kurz: Die Politik muss genügend Ressourcen bereitstellen, ohne hierbei Inhaltliches vorzugeben; das ideale Verhältnis der Politik zur Kunst lässt sich auf die Formel bringen: Sein, sprich Sein-Lassen, oder Nichtsein. Eins muss die Politik immer und überall: Der Gegenwartskunst – wie beim Gender Mainstreaming – einen hohen Stellenwert einräumen.

Peter Noever ist Direktor des Museums für angewandte Kunst in Wien. [Elfie Semotan]


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2007)


© DiePresse.com