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"Changing Channels": Als es im Fernsehen (noch) brannte

04.03.2010 | 18:29 | THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Die Welt kommt ins Wohnzimmer. Auch das Wohnzimmer in die Welt? „Changing Channels“, eine überreiche Schau über Kunst zum Fernsehen, 1963 bis 1987.

Bitte die Kamera näher!“, ruft der junge Künstler Richard Kriesche, „die Kamera noch näher!“ Er sitzt im TV-Studio, er hat eine schwarze Binde vor den Augen, wenn die Kamera ihm noch näher rückte, würden wir nur mehr Schwarz sehen. Sie tut es nicht. „Die Kamera näher!“, ruft Kriesche, „so nahe wie möglich!“ „Fernsehen ist Einbahnkommunikation“, erklärt der junge Künstler Peter Weibel.

Das war 1974, beim ORF, bei einer Diskussion über Videokunst, im Fernsehen gesendet. Kriesches Aktion war im besten Sinn plakativ, eine Verweigerung: Wer nicht fernsieht, der wird auch nicht ferngesehen. Sie führte damit eine essenzielle Debatte der Kunst zum Thema Fernsehen ad absurdum, eine Debatte, die Jan Dibbets' legendäres Video „TV Is A Fireplace“ schon 1969 angedeutet hatte: Das TV-Gerät ist das Lagerfeuer, ist der Kamin. Dort trifft man sich, dort findet sich die Welt ein.

Wenn die Welt in mein Wohnzimmer kommt, warum kommt mein Wohnzimmer nicht in die Welt? Oder kommt es schon, und ich merke es nur nicht? Etliche Arbeiten spielen mit dieser Umkehrung. In Kevin Athertons „Video Times“ (1984) sieht man auf dem Bildschirm einen Mann beim Betrachten von Videos, die dazugehörige Programmzeitschrift listet auf, wann er wie seine Körperhaltung verändert.

 

Die „Zeit im Bild“ in der Schleife

Ganz ähnlich Bill Violas „Reverse Television“ (1983/84): eine Porträtserie von Menschen, die im Wohnzimmer sitzen und fernsehen. Und – schneller, bunter – Michael Smiths „Mike's Home“ (1982): Mike muss entdecken, dass sein Anschluss nicht ihm die Welt ins Haus bringt, sondern sein Leben ins Fernsehen. Das Kabel ist dick wie ein Staubsaugerschlauch: Mikes Leben wird abgesaugt, eine Vorahnung von Reality-TV.

Es ist faszinierend, wie früh österreichische Konzeptkünstler – Export, Kriesche, Weibel usw. – dieses Thema in präzisen Arbeiten erfassten. Valie Export zeigte schon 1971 in „Facing A Family“ eine Familie bei der abendlichen Versammlung vor dem Fernsehapparat. Die Kamera steht auf diesem und füttert es. Dass das Fernsehen selbst zu Wort komme, über sich selbst berichte, forderte Kriesche in „Nationalfeiertag“ 1978. Das Video mündet in einer Schleife: Die Sprecher in der „ZiB1“ bereiten sich auf die Sendung vor, immer wieder, die Vorbereitung wird zum Ritual, die Sendung kommt nicht.

Dagegen wirken heute Positionen der frühen amerikanischen TV-Kunst naiv, zeitgebunden. Richard Serras „Television Delivers People“ (1973) etwa, in dem das Fernsehen als Maschine zur Konservierung gesellschaftlicher Zustände „entlarvt“ wird, mit über den Bildschirm laufenden Slogans wie „Corporate control“, „Propaganda for profit“, „You are the controlled product of news programming“... Ja, eh, wir sind alle manipuliert, wissen wir. Vielleicht geht uns das heute auch so wenig nahe, weil das Fernsehen seine Königsstellung unter den Medien verloren hat. Darum war es auch weise, den Zeitraum der Schau (1963 bis 1987) auf die Ära zu beschränken, als das Fernsehen noch absolut regierte.

 

Yoko Onos Kameraterror

Von den alten Arbeiten, die die flimmernde, surrende Elektronenröhre an und für sich behandeln, haben die schlichtesten am wenigsten an Wirkung verloren. Nam June Paiks um 90Grad gedrehtes „Zen For TV“ etwa. Aus 1969 ist auch „Rape“ von Yoko Ono, die Reality-TV damit noch 13 Jahre früher als Michael Smith vorwegnahm – in der Horrorversion: Eine gnadenlose Kamera verfolgt eine Wienerin durch London, bis sie panisch um Schonung bittet.

Das dauert 75 Minuten, kaum ein Besucher wird sich den ganzen Film ansehen können. Wie überhaupt die Menge an Material zeitlich nicht einmal auszugsweise zu bewältigen ist: Da sind die großartigen Humanic-Spots, die wunderbar poppigen Videoinstallationen von Dara Birnbaum, die „Artbreaks“ von MTV, da ist Joseph Beuys' (nicht ironisch gemeinter!) New-Wave-Schlager „Sonne statt Reagan“, da ist Harun Farockis „Ärger mit den Bildern“ (49 Minuten), den man sich eigentlich auch ganz ansehen sollte, da ist Andy Warhols gesamtes TV-Œuvre, von dem wenigstens die Szenen mit den „Sparks“ Pflichtprogramm sind...

So überfordert Kurator Matthias Michalka einen systematisch, auch ein zweiter Besuch – der mit der Eintrittskarte möglich ist – kann nicht genügen. Gut, Michalka kann sich darauf ausreden, dass Fernsehen – erst recht heute, in Zeiten der Kanal-Schwemme – ein Medium ist, das zur Überforderung des Konsumenten tendiert. Aber er hätte gut daran getan, das Material auf zwei, drei, besser vier Ausstellungen mit schmäleren Themen aufzuteilen. Es würde es hergeben.


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