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Quer durch Galerien 22.8.2003

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Gib uns noch mehr Chanel!

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Wer ohne Mode ist, werfe den ersten Stein. Mode - das ist die achte Todsünde (nach einer unautorisierten Zählung, von der der Vatikan nämlich nichts weiß). Das Handy ist dann wohl oder übel erst die neunte. Den neuen Look ("altdeutsch": das neue Ausg'schau) am Leib zu tragen, das könnte natürlich auch insgeheim eine Kardinaltugend sein: Tapferkeit. Oder es ist bloß eine normale Tugend: Demut gegenüber dem Modeschöpfer, dem Herrn und Meister der Passform, der ein Visionär, aber halt kein Anatom ist. Egal. Beim Faber (Brahmsplatz 7, bis 29. August) geht's ohnedies um die Überbringer der Botschaft - die Fotografen. Die sich aber ebenfalls Visionen herausgenommen haben.
Zum Beispiel Richard Avedon, der einen "alternativ" aussehenden Thai-Masseur einfach auf Verushka herumsteigen lässt, bis man vor lauter Befremden gar nicht mehr an Mode denkt. Na ja, dafür, für Mode, hat besagte Verushka sowieso zu wenig an. Als aber noch niemand die Supermodels erfunden hatte, zog man kurzerhand die Stummfilmstars an. Lilian Gish etwa. Und ungefähr 27 Frühjahrskollektionen später, also 1946, hat Cecil Beaton praktisch einen kompletten Liebesfilm in ein einziges Foto gepackt. Ein Konzentrat wie bei den Weichspülern. Theoretisch muss man das Foto lediglich ein bisschen verdünnen, eventuell mit ein paar Herz-Schmerz-Tränen, und der Film rennt los. Wahrscheinlich hatte bei diesem beinhart inszenierten romantischen Rendezvous sogar die Blume einen Maskenbildner.
Hommage an die Göttin des "erwachsenen Babyspecks": Marilyn schwelgt im Sexappeal (und den hat sie gleich zweimal - links und rechts vorn oben, nein viermal: auch links und rechts hinten unten), und sie schwelgt im Glamour. Nicht weniger "speckig" (von Philippe Halsman): die Stripperin Joan Diener, was insofern gewagt erscheint, als eine Dame der "sich schälenden" Zunft ja strenggenommen eine Gegenspielerin der Mode ist. Der "Dresstease" muss schließlich erst auf die Welt gebracht werden, wo sich eine knackig nackige Dame neckisch nach und nach mit Kleidung versieht, während eine grölende Männerhorde die "Dresserin" anfeuert: "Ja, zeig uns noch mehr Chanel! Ja, gib uns den Lagerfeld auch noch. Wickel dich ganz rein! Ja! Ja!" Andererseits grübelt eine Stripperin jeden Tag vor dem Kleiderschrank immerhin eh über der Frage: "Was zieh ich heute aus?"
Galerist Johannes Faber angesichts einer bereits verjährten Kopfbedeckung: "Solche Hauberln haben heut' nicht einmal mehr alte Damen auf. Aber das Obszöne mit dem Finger in der Liftkabine hat was." Obszön? Wo? A da. Das böse Mädchen (angestiftet von Helmut Newton) benutzt dafür zwar nicht den ganz schlimmen Finger, sondern den kultivierteren Zeigefinger (der schlimmstenfalls in der Nase bohrt, wenn er ganz privat ist). Der ist freilich schon irgendwie unartig kerzengerade gestreckt, wenn er so auf die Wand tippt. Eine fein zusammengestellte historische Schau. Faber: "Mode hat halt zwanz'g Jahr' später fast was Tragisches."

Erschienen am: 22.08.2003

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