Gib uns noch mehr Chanel!
Von Claudia Aigner
Wer ohne Mode ist, werfe den ersten Stein. Mode - das ist die
achte Todsünde (nach einer unautorisierten Zählung, von der der Vatikan
nämlich nichts weiß). Das Handy ist dann wohl oder übel erst die neunte.
Den neuen Look ("altdeutsch": das neue Ausg'schau) am Leib zu tragen, das
könnte natürlich auch insgeheim eine Kardinaltugend sein: Tapferkeit. Oder
es ist bloß eine normale Tugend: Demut gegenüber dem Modeschöpfer, dem
Herrn und Meister der Passform, der ein Visionär, aber halt kein Anatom
ist. Egal. Beim Faber (Brahmsplatz 7, bis 29. August) geht's ohnedies um
die Überbringer der Botschaft - die Fotografen. Die sich aber ebenfalls
Visionen herausgenommen haben. Zum Beispiel Richard Avedon, der einen
"alternativ" aussehenden Thai-Masseur einfach auf Verushka herumsteigen
lässt, bis man vor lauter Befremden gar nicht mehr an Mode denkt. Na ja,
dafür, für Mode, hat besagte Verushka sowieso zu wenig an. Als aber noch
niemand die Supermodels erfunden hatte, zog man kurzerhand die
Stummfilmstars an. Lilian Gish etwa. Und ungefähr 27 Frühjahrskollektionen
später, also 1946, hat Cecil Beaton praktisch einen kompletten Liebesfilm
in ein einziges Foto gepackt. Ein Konzentrat wie bei den Weichspülern.
Theoretisch muss man das Foto lediglich ein bisschen verdünnen, eventuell
mit ein paar Herz-Schmerz-Tränen, und der Film rennt los. Wahrscheinlich
hatte bei diesem beinhart inszenierten romantischen Rendezvous sogar die
Blume einen Maskenbildner. Hommage an die Göttin des "erwachsenen
Babyspecks": Marilyn schwelgt im Sexappeal (und den hat sie gleich zweimal
- links und rechts vorn oben, nein viermal: auch links und rechts hinten
unten), und sie schwelgt im Glamour. Nicht weniger "speckig" (von Philippe
Halsman): die Stripperin Joan Diener, was insofern gewagt erscheint, als
eine Dame der "sich schälenden" Zunft ja strenggenommen eine
Gegenspielerin der Mode ist. Der "Dresstease" muss schließlich erst auf
die Welt gebracht werden, wo sich eine knackig nackige Dame neckisch nach
und nach mit Kleidung versieht, während eine grölende Männerhorde die
"Dresserin" anfeuert: "Ja, zeig uns noch mehr Chanel! Ja, gib uns den
Lagerfeld auch noch. Wickel dich ganz rein! Ja! Ja!" Andererseits grübelt
eine Stripperin jeden Tag vor dem Kleiderschrank immerhin eh über der
Frage: "Was zieh ich heute aus?" Galerist Johannes Faber angesichts
einer bereits verjährten Kopfbedeckung: "Solche Hauberln haben heut' nicht
einmal mehr alte Damen auf. Aber das Obszöne mit dem Finger in der
Liftkabine hat was." Obszön? Wo? A da. Das böse Mädchen (angestiftet von
Helmut Newton) benutzt dafür zwar nicht den ganz schlimmen Finger, sondern
den kultivierteren Zeigefinger (der schlimmstenfalls in der Nase bohrt,
wenn er ganz privat ist). Der ist freilich schon irgendwie unartig
kerzengerade gestreckt, wenn er so auf die Wand tippt. Eine fein
zusammengestellte historische Schau. Faber: "Mode hat halt zwanz'g Jahr'
später fast was Tragisches."
Erschienen am: 22.08.2003 |
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