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"Jetzt bin ich Superfunktionär"

Documenta-Chef Roger M. Buergel will 2007 einen neuen Kunstkanon aufstellen

von Uta Baier

Seit einem Jahr bereitet Roger M. Buergel die Documenta 12 vor. Der in Wien lebende Berliner wurde berufen, weil er das Ausstellung-Machen neu definieren könne, meinte die Auswahlkommission. Mit Roger M. Buergel sprach Uta Baier.

Die Welt: Hat sich Ihr Leben seit der Berufung zum Chef der kommenden Documenta geändert?

Roger M. Buergel: Ja. Es hat sich stark geändert. Ich habe schlicht mehr zu tun, bin weniger zu Hause, sehe die Kinder weniger. Andererseits kann ich meine zehnjährige Tochter mit auf Reisen nehmen.

Die Welt: Interessiert die das?

Buergel: Ach, die mag das gern, wenn sie zum Beispiel vom Direktor des Louvre durchs Museum geführt wird.

Die Welt: Sie waren wegen der Documenta im Louvre?

Buergel: Ja, ich habe mir bei der Leonardo-da-Vinci-Ausstellung eine Installation von James Coleman angesehen. Coleman hat eine Animation vom Abendmahl gemacht. Unglaublich toll. Die meisten Besucher wußten nicht, ob das eine Museumsanimation im Zuge der Spektakeldemokratisierung dieser großen Museen oder ob es Kunst ist. Sie lungerten da in den Teppichräumen rum, auch sehr bourgeoises Publikum saß da und guckte halluziniert.

Die Welt: Um Informationen zu bekommen?

Buergel: Nein, ich glaube nicht. Die haben das Meditative an der Arbeit geliebt. Und ich habe gesehen, daß sich Kontemplation und Massenpublikum nicht ausschließen müssen. Das ist ja auch ein Documenta-Problem. Wie schafft man es, den Besuchermassen Kontemplation zu bieten?

Die Welt: Kontemplation ist ein Documenta-Ziel?

Buergel: Unbedingt. Kunst braucht Zeit. Das gilt für Filme, Performances und auch für ein Ölbild.

Die Welt: Aber wie wollen Sie das in einer solchen Eventausstellung erreichen, zu der mehr als 600 000 Besucher kommen?

Buergel: Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die sich wie ich damit beschäftigen, die Kontemplation geradezu einfordern. Und eine Ausstellung sollte sich das vornehmen. Ich habe kein Patentrezept, aber ich glaube, man muß die Ausstellung tatsächlich als Organismus begreifen. Und wenn man die Besucher nicht mit Texttafeln zudröhnen will, sondern die Sachen selber zeigen will, dann muß man das Kontemplative betonen. Wie Arnold Bode, für den die Ausstellung ein Medium war, der die Bilder so hängte, daß sie dem Betrachter auf halbem Weg entgegen kamen.

Die Welt: Ist das Ihr erster Schritt auf dem Weg zur Documenta, daß Sie zurück gehen zur ersten, die 1955 Arnold Bode gemacht hat?

Buergel: Ich habe halt eine historische Ader. Mich interessiert das Zurückgehen zum Ursprung bei der ersten. Mir erscheint das In-die-Welt-Stellen einer Documenta als der radikalste Schritt. Etwas, das es vorher nicht gegeben hat, ist plötzlich. Das ist das Mysterium. Es ist ein bißchen wie eine Revolution, die ja auch immer ein singuläres Ereignis ist.

Die Welt: Nutzen Sie historische Recherche für Ihre Documenta?

Buergel: Ich glaube, was zur Documenta tatsächlich gehört, ist das Moment der Erfindung. Das bedeutet auch, zu allen gegebenen Formaten versuchsweise Nein zu sagen.

Die Welt: Trotzdem werden Sie wahrscheinlich eine Ausstellung machen, wie alle anderen?

Buergel: Ja, es wird eine ganz klassische, schöne Ausstellung am Ende werden. Das ist aber auch okay. Doch diese Ausstellung wird davon belebt sein, daß man zu Anfang nichts für selbstverständlich erachtet.

Die Welt: Aber wie wollen Sie diesen Prozeß dem Besucher erklären? Dicke Kataloge mit vielen Texten lehnen Sie ja ab.

Buergel: Ich kann es Ihnen erklären.

Die Welt: Gut.

Buergel: Wenn die Leute durch die Ausstellung gehen, sollen sie den Kurator vergessen. Letztlich geht es darum, eine gute Ausstellung mit sehr, sehr guter Kunst zu machen. Da sollten Theorie und Spekulation nicht mehr sichtbar sein. Die gehören in den Maschinenraum.

Die Welt: Wozu ist diese Beschäftigung dann wichtig?

Buergel: Ich glaube, man muß diese Ausstellung als Form von Öffentlichkeit verstehen, denn das war sie 1955. Die Gesellschaft war extrem fragmentiert, und alle Bildungsideale waren korrumpiert. Zum Beispiel dadurch, daß das Bürgertum die Nazis nicht aufgehalten hat. Da fragt man sich doch, was so ein Kanon mit Goethe und Schiller noch zu bedeuten hat. Darauf hatte die erste Documenta eine Antwort. Sie hat mit Arbeiten, die keinen verbindlichen Charakter hatten, die modernistisch waren, Verbindlichkeit gestiftet. Das finde ich fantastisch.

Die Welt: Aber einen neuen verbindlichen Kanon wollen Sie 2007 nicht aufstellen?

Buergel. Doch, so etwas schwebt mir eigentlich schon vor.

Die Welt: Bei allen inhaltlichen Überlegungen - man erwartet von Ihnen, daß mindestens so viele Besucher kommen wie beim letzten Mal. Wie bereitet man mit diesem Druck eine Ausstellung vor?

Buergel: Vielleicht verdränge ich den Druck? Ich kann mir nicht vorstellen, eine Ausstellung auf Besucherzahlen hin zu machen. Was ich kann, ist eine gute Ausstellung machen, die sich Leute gern anschauen. Ich glaube, daß sich dann diese abstrakte Eventhaltung vielleicht umlenken läßt auf bestimmte Diskussionen.

Die Welt: Was für Diskussionen?

Buergel: Bildung. Das scheint mir doch sehr wichtig. Wir publizieren im Vorfeld drei Zeitschriften, die Schlüsselthemen der Documenta 12 behandeln und Material für eine Diskussion bereit stellen. In der ersten geht es um die These, daß die Moderne unsere Antike ist. Ursprünglich eine Vorstellung von Baudelaire, die mich anzieht, weil viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler auf die Moderne zurück kommen. Mir ist wichtig, daß in den Zeitschriften nicht irgendwelche Ideen von mir stehen, sondern Themen, die sich aus der künstlerischen Produktion ergeben.

Die Welt: Die Zeitschriften sind Ihre Plattformen?

Buergel: Mir waren die Plattformen der Documenta 11 zu exklusiv. Aber die Idee war gut. Ich arbeite für die Zeitschriften mit 60, 70 lokalen Zeitschriften auf der ganzen Welt zusammen. So wird eine planetarische Redaktion entstehen, die die Texte für die Zeitschriften liefert und sich aus den entstandenen Texten für die eigenen Zeitschriften bedient.

Die Welt: Und die anderen beiden Hefte?

Buergel: Das zweite wird "Das bloße Leben" heißen. Ein Begriff von Walter Benjamin, der auf die absolute Fragilität des menschlichen Individuums hinweist, auf die Möglichkeit, das Individuum sämtlicher Attribute wie nationale Zugehörigkeit, Anspruch auf Rechte zu entkleiden oder sie ihm zuzuerkennen. Ich glaube daß die Figur des von sämtlichen Attributen befreiten Lebens eine Figur ist, mit deren Hilfe es gelingen kann, ganz unterschiedliche geopolitische Situationen zu spiegeln.

Die Welt: Und das dritte?

Buergel: Will ich noch nicht verraten.

Die Welt: Wie suchen Sie die Künstler für Ihre Ausstellungen aus? Geben Sie Themen vor?

Buergel: Normalerweise ist es so, daß ich Künstlerinnen und Künstler mit Konzepten konfrontiere und versuche, sie in eine bestimmte Richtung zu drängen. In eine Richtung, die gut für die Ausstellung ist. Da kommt dann in der Regel etwas anderes zurück. Das ist ein bißchen absurd, aber es funktioniert eigentlich ganz gut. Meist zeige ich mehrere Arbeiten, weil ich unbedingt von diesem "Ein-Künstler - ein Werk-Ansatz" weg will. Nur so kann man auch die Entwicklung einer Künstlerin, eines Künstlers zeigen.

Die Welt: Jede Ausstellung lebt durch die Räume, die sie zur Verfügung hat. In Kassel gibt es verschiedene, zuletzt kam die ehemalige Binding-Brauerei dazu.

Buergel: Die ich abgelehnt habe zu bespielen. Ich würde gern Kunst in einer Shopping-Mall in der Innenstadt von Kassel zeigen. Armani wird im Guggenheim-Museum gezeigt, das kann man auch mal umdrehen. Ich möchte diese privatisierten öffentlichen Räume gern wieder veröffentlichen.

Die Welt: Kunst im Schaufenster?

Buergel: Nein, keine Videos in Schaufenstern. Ich würde gern so ein Einkaufszentrum komplett ausräumen und als Ausstellungsraum nutzen. Wir verhandeln gerade darüber, ob das geht.

Die Welt: Die Läden raus und Kunst rein?

Buergel: Ich kann die Läden nicht rausschmeißen. ich muß ihnen was anderes bieten. Vielleicht die Documenta-Halle?

Die Welt: Worum wird es in Ihrer Documenta gehen? Um den Stand der zeitgenössischen Kunst 2007?

Buergel: Mich interessiert tatsächlich die Genealogie. Mich interessiert, warum zeitgenössische Kunst so aussieht, wie sie aussieht. Das ist der Gegenstand der Ausstellung. Mich interessiert, warum die Sachen, die heute entstehen, die Form haben, die sie haben. Das finde ich interessant, und das hat auch Bode interessiert.

Die Welt: Die vergangene Documenta zeigte viel Kunst aus Afrika. Die Künstlerinnen und Künstler welcher Länder interessieren Sie?

Buergel: Lateinamerika, Osteuropa finde ich spannend. Iran und Irak, aber auch China. Performances aus dem China der sechziger und siebziger Jahre.

Die Welt: Was ist mit der marktgängigen westlichen Kunst? Der deutschen?

Buergel: Die kenne ich natürlich, aber sagen wir mal so: Meine Leidenschaft weckt sie nicht.

Die Welt: Sie haben erwogen, zur Documenta nur 15 Künstler einzuladen ...

Buergel: ... es sind schon jetzt mehr Künstlerinnen und Künstler.

Die Welt: Macht Ihnen die Größe der Ausstellung Angst?

Buergel: Hm. Bisher hab ich Ausstellungen gemacht, meist in Zusammenarbeit mit Ruth Noack, aber auch verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, die wir komplett selbst entwickelt und für die wir das Geld besorgt haben. Ich war immer sehr stolz, daß ich nicht so ein Funktionär bin, der Formate bedient. Und jetzt hab ich den Superfunktionärsjob bekommen. Ich denke trotzdem: Es ist gut für die Ausstellung, daß man sie nicht aus der Funktionärslogik heraus denkt, sondern vom Leichtsinn der Idee, vom Risiko her und dem Mitteilungsbedürfnis, das die erste Documenta hatte.

Artikel erschienen am Di, 1. Februar 2005

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