Teddybär kuschelt nun zurück
Von Claudia Aigner
Pfui! Man nennt es, glaub' ich, "Unzucht mit Ausgestopften"
(also, wie gesagt: pfui!). Oder heißt es vielleicht doch "Überschreitung
der Aufsichtspflicht"? Denn gleich mit so viel körperlicher Hingabe auf
einmal wird ein Teddybär ja normalerweise auch wieder nicht
"beaufsichtigt", dieses weich ausgestopfte Wesen, das wegen dem
Klammerreflex auf der Welt ist (wohlgemerkt: wegen dem kindlichen
Klammerreflex). Der Arme kann sich gegen seine unbarmherzig erwachsene
Puppenmutti ja gar nicht mehr wehren. Andererseits: Bei genauerer
Betrachtung beruht die Libido eh auf Gegenseitigkeit. Für den Teddy von
Deborah Sengl, der sich in einem Mosaik aus Steckperlen sehr hormonell
vergnügt, gilt folglich die Unschuldsvermutung nicht mehr. Ergo: Eine
Unschuld kann man ihm jetzt beim besten Willen nicht mehr nachsagen.
"Teddybär & Co.": Der Hilger (Dorotheergasse 5) treibt sich diesen
Sommer (bzw. noch bis 21. August) im Plüschfell- und Knopfaugenmilieu
herum. Aber nicht nur dort. Auch bei den Gummibärchen zum Beispiel. Anders
ausgedrückt: "Haribo macht Kinder froh - und Erwachs'ne ebenso." Ein
Schelm, wer dabei was Unanständiges denkt. Denn wenigstens der Haribo-Bär
bleibt noch bei seinem Leisten, was ja nicht im entferntesten mit der
Leistengegend zu tun hat. Sein Metier ist weiterhin bloß der Gaumenkitzel
und kein anderer Juckreiz. Und er hat die plakativ aalglatte
Persönlichkeit einer Suppendose von Campbell. Soll heißen: Bernhard Wolf
hat sich keinen sichtbaren Pinselstrich zu Schulden kommen lassen, als er
das Haribo-Bärli makellos porträtiert hat. Als wär's direkt vom
Gummibärchensackerl zur kariesverwöhnten Menschheit herabgestiegen. Na
gut, originell ist die Idee nicht mehr ganz. Spätestens seit dem Meister
der Campbell-Tomatensuppe jedenfalls. Von Andy Warhol hängt übrigens ein
blutdrucksenkendes Mittel da: ein Dracula. Die leicht bekömmliche Schau
(in der sommerlichen Affenhitze verdunstet ohnedies jener Teil vom Hirn,
der denkt) interessiert sich nämlich für vielerlei Mythen. Apropos
reinbeißen: Appetitlich im Sinne der Fleischeslust (freilich nicht, wie
sie den Fleischhauer vor einem Schinken verheißenden Schweindl überkommt,
aber ähnlich nackt und rosig) hat eine gut mit Sexappeal bestückte Maid
auf dem Schoß eines Riesenteddys Platz genommen. In einem sinnlich
duftigen Aquarell von Mel Ramos, der die Welt schon gewohnheitsmäßig mit
Nackerpatzln garniert, wo dann prallbusiges Östrogen auf so etwas wie
Gullivers Rhabarberkuchen sitzt und wo "Heldinnen der Oberweite" fetten,
größenwahnsinnigen Zigarren die Sporen geben. Charmant frivol. Und Juan
Loeck hat die Mickymaus ein bissi aus der heilen Weltfremdheit
vertrieben: Mickey ist vom Badeurlaub schwarz wie die Pechmarie
zurückgekehrt. Kurz: Er hat einen Teint wie eine Ölpest. In Israel vor
die Tür zu gehen birgt ja tatsächlich ein hohes Verletzungsrisiko. Es ist
also beinah nahe liegend, dass es dort jetzt sogar den Schmuck im Design
des Verarztens gibt. Pflasterln aus Silber und zum Anstecken wie Orden,
von Edda Vardimon Gudnason, die eine von den "Six Individual Voices" aus
Israel ist, die bis 22. August bei V&V (Bauernmarkt 19) ihre ziemlich
heimatverbundenen, kreativen Schmuckstücke herzeigen. In Vered Kamins-
kis berückend perfekte Broschen "schummelt" sich etwa der Davidstern
ins Flechtmuster hinein. Esther Knobel hingegen gedenkt ihrer Großmutter
mit der Stricknadel, weil sie von ihr, der Großmutter, die sie nie
persönlich kennen gelernt hat, nicht viel mehr weiß, als dass sie
gestrickt hat. Und strickt nun aus Kupferdraht fleißig Andenken. Vom
Fingerhut bis zur Brosche.
Erschienen am: 08.08.2003 |
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