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| 10.08.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| "Jetzt fürchte ich keine Hexen mehr" | ||
| VON THOMAS VIEREGGE | ||
| Goya in Berlin. Die spektakuläre Ausstellung über den "Propheten der Moderne" kommt im Herbst nach Wien. | ||
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W Heiter und unverfänglich ist das Entrée der Goya-Schau in der Alten Nationalgalerie in Berlin, von den Ausstellungsmachern - ähnlich wie die letztjährige MoMA-Ausstellung - bereits zur Kunstattraktion dieses Sommers hochstilisiert. Superlative hier wie dort, bei Versicherungswerten und Warteschlangen. In Zusammenarbeit mit dem Prado und dem Kunsthistorischen Museum in Wien, wohin die Ausstellung im Oktober wandert, ist es in zehnjähriger Vorbereitungszeit gelungen, eine für den deutschsprachigen Raum einzigartige Präsentation des OEuvres des spanischen Nationalhelden zusammenzustellen. Meisterwerke wie die "Nackte Maja" oder seine "Schwarzen Bilder" blieben allerdings in Madrid. Goyas Anfänge in der Teppichmanufaktur sind noch nicht umwölkt von den dunklen Heimsuchungen späterer Jahre, die mit der Taubheit des Künstlers zusammenfallen. Doch die statischen Porträts des spanischen Adels decouvrieren durchaus die Eitelkeiten der Auftraggeber, enthüllen Goyas Zug zu Karikatur und Satire. In den Zeichnungen spiegelt sich immer wieder das Antlitz der Herzogin von Alba, Goyas Gönnerin. "Die Welt ist eine Maskerade. Gesichter, Kleider, Stimmen. Alles ist falsch. Alle möchten als etwas erscheinen, das sie sie nicht sind. Jeder täuscht jeden, und keiner kennt den anderen", umriss Goya seine Philosophie. Von den Auftragsarbeiten für Hof und Kirche, die die beiden großen Säle füllen, schlägt die Ausstellung unvermittelt einen Bogen zum eigentlichen Hauptwerk, das sich in den Kabinetten drängt. Es ist eine Welt der Mühseligen und Beladenen, der Geschundenen, Irren, Kranken und Gefangenen, bevölkert von Vetteln, Hexen und Dämonen, Fabeltieren, Monstren und Mönchen - ein Gruselkabinett von Fratzen, verzerrten Kreaturen mit toten Augen und finsteren Gesellen, eine Ausgeburt an Abgründen, die in der "Inquisitionsszene", in der "Flagellantenprozession", im "Flug der Hexen" bildmächtig zum Ausdruck kommen. Goya plünderte die christliche Ikonografie und stellte sie auf den Kopf. Manche sehen in den Phantasmagorien, etwa den Kapuzenmännern, eine Vorwegnahme der Folterszenen von Abu Ghraib. Im Bild "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" finden Alptraum und Aberglaube zueinander. "Die Vernunft vereint mit der Fantasie ist die Mutter aller Künste und der Ursprung aller Wunder", lautete Goyas Credo. Es sind Bilder der Apokalypse, die den Einfluss Hieronymus Boschs nicht leugnen können. "Ja, du hast Recht. Ich bin ein Teufelsmaler", schrieb Goya einem Freund. "Aber jetzt fürchte ich keine Hexen mehr, keine Geister und prahlerischen Riesen. Ich fürchte nichts und niemanden mehr - außer den Menschen." Im Katalog apostrophiert der Kunsthistoriker Werner
Hofmann Goya als "Exorzisten". Sein Buch über den Großmeister trägt denn
auch den Titel "Vom Himmel durch die Welt der Hölle". In Berlin haben die
Kuratoren der Schau das Attribut "Prophet der Moderne" beigestellt. Denn
alle reklamieren Goya für sich - die Impressionisten, die Expressionisten,
die Realisten, die Surrealisten. Goya war stilprägend - und in seiner
Vielschichtigkeit für manche Verwirrung gut. So weigerte er sich vor der
Akademie, Regeln in der Malerei zu akzeptieren. Der Serie der "Suenos" (Träume) folgen die "Caprichos"
(Launen): tanzende Paare, Schlittschuhläufer, eine Kupplerin,
Messerstecher. Stillleben von Waldschnepfen und Goldbrassen fehlen ebenso
wenig wie die Beschwörung des Stierkampfes. Naturalistische Genrebilder
feiern etwa "Die Wasserträgerin" in geradezu heroischer Pose. Das Genie
Goya vereinigte in sich Höfling und Kritiker. Ein Visionär in seinen
Widersprüchen, ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen Spätbarock und
Aufklärung: Am Ende seines Lebens zog der Hofmaler ins französische Exil -
und bezog weiter seine Leibrente vom spanischen Königshof.
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