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Publikums-Erschaffung
Konzept
der documenta 12 ensteht in lokalen und globalen Foren
VON
RALF PASCH

Roger M. Buergel
will das documenta-Publikum "nicht nur mit Texten und Bildern füttern".
Stattdessen soll es "mir helfen, mich zu orientieren", sagte er am Montag in
Kassel. Denn herumzureisen und in der jeweiligen Szene Kunst abzuschöpfen,
findet der Leiter der 2007 statt findenden Großausstellung documenta 12
langweilig. Lokale Positionen in einem globalen Kontext zu betrachten, habe
hingegen Rätselcharakter. Es reiche ihm nicht, gute Kunst nach Kassel zu holen,
die Einbeziehung des lokalen und globalen Publikums hält Buergel für eine
kompositorische Aufgabe der Ausstellung. Sein Ziel lautet deshalb, "das
konflikthafte Verhältnis zwischen zeitgenössischer Kunst und Publikum"
aufzuheben. So wolle er dann in zwei Foren, einem globalen und einem lokalen,
"die potenzielle Energie im Abgrund zwischen Kunst und Publikum für eine
sinnvolle Diskussion erschließen".
Das globale Forum werde die zentralen
Themenstellungen durcharbeiten, erklärte Buergel. Dafür hat er sich - in
Ablehnung an Vordenker - drei Themen überlegt. "Die Moderne ist unsere Antike"
heißt das erste nach Charles Baudelaire. Da soll das Dilemma erklärt werden, in
dem Buergel den modernen Menschen sieht: "Wir bewegen uns in einer Anlage, deren
Bauplan uns nicht bekannt ist." Der Mensch könne gar nicht anders, als seine
Kategorien und Bilder dem Wertevorrat der Moderne zu entnehmen, gleichzeitig
jedoch sei das Trümmerfeld, das die globalen Katastrophen hinterließen, ein
Rätsel. Punkt zwei in Buergels Themen-Dreieck ist Walter Benjamins Begriff vom
"bloßen Leben", für Buergel ist es ein "von allen staatlichen Attributen
befreites Leben". Die Aberkennung von Rechten hätten die Juden erlebt, und auch
die Insassen von Guantanamo Bay. Solche Themen, zu denen Buergel auch Hartz VI
zählt, könnten durch Performance und Tanz bearbeitet werden. Von wem, machte er
nicht bekannt, denn über potenzielle documenta-Künstler wollte er noch nicht
reden, "damit sie genug Zeit zum Arbeiten haben".
Und weil er Bildung für
das einzige Mittel hält, "um uns gegen die Verdummung durch eine internationale
Medienkooperation zu wehren", hat er sie zum dritten Schwerpunkt auserkoren. Die
globale Debatte werde mit 70 Redaktionen von Zeitschriften, Magazinen und
Online-Publikationen stattfinden. Die sollen sich mit den drei Themenblöcken
befassen und die Ergebnisse sowohl im eigenen Medium, als auch auf einer
interaktiven Internet-Plattform veröffentlichen. Daneben wird es drei
"Ausstellungen in Zeitschriften" geben - zwei Sonderveröffentlichungen mit der
Essenz der weltweiten Diskussion im nächsten Jahr und eine dritte 2007. Auf
diese Weise, hofft der Leiter des Projekts und Chefredakteur der
Kunst-Zeitschrift Springerin, Georg Schöllhammer, werde ein
internationales Kuratorennetzwerk wachsen.
Auch das Publikum in Kassel
darf quasi kuratorisch mitarbeiten. Dazu sei bereits ein lokales Forum initiiert
worden, das zum Beispiel herausfinden solle, welches lokale Wissen es in der
documenta-Stadt gibt, was an der Kasseler Identität typisch und was universell
ist. Kunsthistorikern und Ausstellungsmacherin Ruth Noack, die dieses Projekt
betreut, kündigte an, die "Anliegen der Leute" in das Konzept einzubeziehen. Die
gebrochene Identität der fordistischen Stadt, die nach ihrer Zerstörung im
Zweiten Weltkrieg teilweise nach Plänen aus der NS-Zeit aufgebaut wurde, hält
Noack für ein spannendes Thema. Die "Selbstbildung des Publikums" solle zur
Selbstbildung des documenta-Teams werden. Und: "Wir erschaffen uns so unser
Publikum selbst."
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am
31.01.2005 um 16:16:04 Uhr
Erscheinungsdatum 01.02.2005
