MEINUNG
Gedenken in der Kunst
Auch der Tag, an
dem wir heute an die Gräber gehen, gibt die Möglichkeit, sich mit Kunst
zu beschäftigen. Mit Neuem ebenso wie mit Dingen, an die wir uns
bisweilen erinnern sollten. Schließlich ist es ja vor allem die Kunst,
die sich immer wieder mit dem Tod beschäftigt, mit jenem "unsäglichen
Skandal" also, wie das Michael Köhlmeier nennt, den wir sonst gerne auf
die Seite drängen, mit dem wir uns nicht wirklich auseinandersetzen
wollen - auch wenn die Zeit dafür irgendwann unausweichlich kommt. Auf ganz
besondere Weise haben sich fünf junge Autorinnen und Autoren in Wien
des Themas angenommen. Angelika Slavik, Nadja Bucher, Stephanie Mold,
Nikolai Soukoup und Jörg Zemmler sind zu Menschen in
Hospizeinrichtungen gegangen, zu Menschen also, deren Lebenszeit sich
dem Ende neigt. Sie haben mit diesen Menschen gesprochen, sie wollten
"die wichtigsten, seltsamsten oder intensivsten Momente" im Leben der
Betroffenen erfahren. Und was ist, neben der Geburt, im Leben schon
wichtiger als der Tod, was ist denn sonst, frei nach Günter Eich, die
eigentliche Antwort auf das Leben als eben der Tod? In den
Hospizeinrichtungen leben Menschen, die auf den Tod warten, aber sie
leben - nach dem Motto der Hospiz-Bewegung - bis zuletzt. Sie erleben
also auch den Tod bewußt. Aus dem, was sie da erfahren haben, haben die
fünf jungen Menschen, denen der Tod noch fern erscheinen muß, ein Buch
über das Leben gemacht (erschienen bei "edition a"). Zu lesen sind
Geschichten, in denen es, wie "Der Standard" schreibt, "nie um
Larmoyanz, Zeigefinger oder (Selbst-)Mitleid geht", sondern um das
Leben. Das Leben, das wunderschön sein kann, wenn man es bewußt lebt -
und zwar bis zum Schluß. Bewußt gelebt hat
auch der Bregenzer Maler Hubert Berchtold. Er starb 1983, gerade einmal
etwas mehr als sechzig Jahre alt. Wir verdanken ihm großartige
Arbeiten, nicht zuletzt im öffentlichen Bereich, etwa den Montfortsaal
im Bregenzer Landhaus, ein herausragendes Werk, das selbst bei
langatmigsten Reden keine Langeweile aufkommen lässt. Man kann sich
dann nämlich ganz einfach mit dem Spätwerk von Hubert Berchtold an den
Wänden beschäftigen, die immer wieder spannend zu betrachten sind, bei
denen sich immer wieder neue Details finden lassen. Die letzte große
Arbeit von Hubert Berchtold steht aber am südlichen Rand von
Vorarlberg, in Klösterle, über der Einfahrt in den Arlbergtunnel. Dort
wurde zur Fertigstellung des Tunnels die Kapelle zu den Vierzehn
Nothelfern errichtet. Und Hubert Berchtold wurde beauftragt, die
vierzehn Heiligen auf Hinterglasmalerei zu gestalten. Berchtold hatte
zu diesem Zeitpunkt gerade eine schwere Krankheit überstanden, er war
gezeichnet. So sah er auch Symbolkraft in dieser Arbeit. Bei einem
Besuch in der Kapelle, noch während der Arbeit von Berchtold, meinte er
zu mir: "Der Arlbergtunnel ist vierzehn Kilometer lang, vierzehn
Menschen sind beim Bau tödlich verunglückt, und ich male Bilder zu den
Vierzehn Nothelfern. Wundert es dich, daß ich jetzt, nach dem, was
hinter mir liegt, ins Grübeln komme?" Natürlich, es wunderte mich
nicht. Berchtold hatte kurz vorher dem Tod fast ins Auge geblickt. Und
er hatte ihm mit Arbeit, mit fast besessener Arbeit getrotzt. So sind
die Vierzehn Nothelfer für mich nicht nur Auseinandersetzung mit Kunst,
sondern auch mit dem Tod. Ich werde das nächste Mal wieder dort
haltmachen. * * *
Die Meinung des Gastkommentators muss
nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen Auf Wunsch des Autors erscheint
sie in der alten Rechtschreibung.
VON WALTER FINK
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