Eine angemessene Beurteilung der einzelnen Werke ist in den dunklen Räumen kaum möglich.
Wer
die Vorberichterstattung zu dieser zwölften Documenta verfolgt hatte,
konnte eine merkwürdige Diskrepanz feststellen. Waren die Erwartungen
im ersten Jahr nach der für alle überraschenden Ernennung Roger M.
Buergels und seiner Frau Ruth Noack erst so niedrig, dass man
eigentlich nur das Schlimmste für die Ausstellung fürchten konnte,
änderte sich die Stimmung etwa Anfang dieses Jahres schlagartig. Obwohl
Buergel an seinem Konzept keinerlei Änderungen vorgenommen hatte,
konnte man nun - beispielsweise in der „Zeit“ - lesen, uns stehe nichts
weniger als eine künstlerische Weltrevolution bevor.
Man kann
diese Wechselbäder natürlich als die übliche Begleitmusik zu diesem
international nach wie vor bedeutendsten Kunstereignis sehen. Man
könnte darin aber auch die Verunsicherung des Kunstbetriebes über seine
eigenen Bewertungskriterien erkennen. Und die noch immer ungebrochene
Sehnsucht nach einem Documenta-Konzept, das uns endlich die Frage nach
der Zukunft der Kunst beantwortet. Nun liegt also das Ergebnis vor, und
man würde gerne sagen, dass es sich sehen lassen kann. Aber eben das
ist nicht der Fall, weil Buergel uns leider in erster Linie eine
Inszenierung zeigt, hinter und in der die meisten Arbeiten
verschwinden, verschwimmen und sich in einen wolkigen Reigen an
Impressionen und Vermutungen auflösen.
Als Kurator gehe ich von
der Grundvoraussetzung einer plausiblen Präsentation des Kunstwerks
aus. Plausibilität meint in diesem Zusammenhang, dass jede Arbeit so
gezeigt wird, dass ich die Möglichkeit habe zu begreifen, worum es in
diesem Werk geht. Buergels Inszenierungspraxis dagegen verschattet über
weiteste Strecken die Arbeiten. Das gilt zum einen wörtlich: Noch nie
war es so dunkel, so höhlenartig lichtlos auf einer Documenta. Es
stimmt aber auch im übertragenen Sinn. Verantwortlich dafür ist
Buergels Leitthema einer gewissermaßen überzeitlichen „Migration der
Form“. Denn die Konsequenz seiner schwärmerischen Suche nach den durch
die Kunst mäandernden Formschicksalen führt zu der Relativierung des
Einzelnen zugunsten des Allgemeinen. Anders gesagt: Buergel will und
darf gar nicht zuviel über die inneren Antriebe des Einzelwerks wissen,
weil er das individuelle Werk wie einen Webfaden begreift, der im
Kontext mit hunderten anderer Webfäden einen großen, dichten Teppich
ergeben soll.
Die fast mystische Sehnsucht dieser Documenta
zielt auf ein atmosphärisch-inszenatorisches Gesamtkunstwerk, in dem
alle Gegensätze aufgehoben sind zugunsten eines permanent im Fluss
befindlichen Ausgleichs der Kräfte, Formen und Inhalte. Das ist ein
gewaltiger, ein nahezu utopischer Anspruch, zielt er doch im Kern auf
nichts weniger als auf die Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und
Leben. Und es besteht kein Zweifel daran, dass gerade dieser heroisch
aufs Ganze zielende Entwurf, verbunden mit einem erkennbaren
Desinteresse an den gängigen Markt-Hypes und Rankinglisten, die
euphorischen Erwartungen im Vorfeld der Schau erheblich befördert hat.
Eine Documenta, die sich selbst und die Kunst neu erfindet, ist dennoch
nicht daraus geworden. Dies nicht zuletzt, weil sie - aller
vorgeblichen Offenheit zum Trotz - im Kern ideologisch argumentiert.
Als Hauptfeind hat man dabei den „White
Cube“ ausgemacht, der
nach Meinung der Kuratoren das Kunstwerk isoliert und die Aufbrechung
der Grenzen zwischen künstlerischen und gesellschaftlichen Prozessen
verhindert. Über diese Problematik der „weißen Ausstellungszelle“ wird
zu Recht diskutiert, seit sie vor rund hundert Jahren erfunden wurde.
Der Rückgriff auf die Inszenierungspraktiken der ersten
Arnold-Bode-Documenta 1955, die Buergel als Alternative empfiehlt,
verschlimmert aber im Ergebnis die Situation sowohl für die Kunstwerke
wie für den Betrachter. Strahler auratisieren Bilder mit goldgelben
Heiligenscheinen, dunkelfarbige Wände verwandeln die Räume in hoch
emotionalisierte Wunderkammern und dichte Vorhänge blocken jeden Blick
nach draußen ab. Eine angemessene Beurteilung des Einzelwerks ist hier
ausgeschlossen.
Andererseits sorgt diese dominante
Theatralisierung auch nicht dafür, dass sich die Fülle des Gebotenen zu
einem sich wechselseitig durchdringenden und stimulierenden
Gesamtkontinuum zusammenschließt. Stattdessen riecht es einfach etwas
muffig nach 50er Jahren und nach esoterischen Räucherstäbchen-Ritualen.
Und die groß angekündigte Migration der Form entpuppt sich in Wahrheit
als simple Suche nach formalen Analogien mit teilweise erschreckend
harmlosen Ergebnissen. Abgesehen von dem Part im Schloss Wilhelmshöhe,
in dem es einige dichte Passagen gibt, lässt Buergel Werke miteinander
Allianzen bilden, die nichts weiter gemein haben als oberflächlichste
formale Details, wie ähnliche Farbtöne oder einen wellenartigen Schwung
in der Strichführung. Ganz deutlich wird dies beispielsweise in der
Documenta-Halle, wo Peter Friedls im Vorfeld breit diskutierte
ausgestopfte Giraffe in der groß angelegten Installation Cosima von
Bonins schlicht untergeht und als Teil der unter anderem mit übergroßen
Kuscheltieren argumentierenden Arbeit erscheint.
Was in
Erinnerung bleibt, sind interessanterweise gerade die Arbeiten, die am
deutlichsten auf einer neutralen Hängung beharren. Etwa James Colemans
wuchtige Videoinstallation mit einem grandiosen Harvey Keitel, Lidwien
van de Vens intelligenter Fotoraum im Fridericianum, Andrea Geyers
Recherche über die Geschichte amerikanischer Landnahme, oder Zoe
Leonards fotografische „Analogie“-Reise in den Aue-Pavillons, die
tatsächlich das einlöst, was man von der ganzen Ausstellung erwartet
hätte: eine Verknüpfung von Form und Inhalt, die den Blick für die
Mechanismen unserer gesellschaftlichen Realität öffnet. Leider bleibt
dies eine Ausnahme, weil diese Documenta zu sehr in sich selbst, ihre
eigenen Idiosynkrasien und Manierismen vernarrt ist, als dass sie
wirklich etwas zum Stand der Kunst und der Welt zu sagen hätte.