Kultur/Medien | 04.09.01 | www.DiePresse.at
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Nicht alle Neuronen nerven in Linz - aber wie schön, wenn 200 Handys läuten!

Ars Electronica. Eine Komposition für Mobiltelephone konnte überzeugen. Sonst gilt: Alles beim Alten im Cyberspace.

200 Handys, und keiner hat abgehoben. Bald in sanften Wellen, bald in rauhem Kontrapunkt bewegten sich die Läutmotive durchs Brucknerhaus, diese kindlichen, oft der leichten "ernsten" Musik entnommenen Tonfolgen. "Dialtones", komponiert und programmiert von den US-Künstlern Greg Shakar und Yasmin Sohrawardy, machte aus diesem trivialen Material, das in seiner Rohform die Nerven vieler Straßenbahnbenützern strapaziert, ein in seiner zarten Bestimmtheit faszinierendes Stück Musik. Wer diese "Telesymphony" erlebt hat, wird künftig aus dem Soundtrack des Alltags mehr (potentielle) Schönheit hören. Laßt eure mobilen Telephonzellen nur läuten, Leute, mein Kopf macht Kammermusik daraus!

Reduktion? Fadesse!

Ganz gegensätzlich davor das Konzert des heurigen "Klangpark"-Regenten, des Finnen Vladislav Delay. Im Katalog ist von "überzeugenden Ausdifferenzierungen der verschiedenen soundästhetischen Ichs" und von "Reduktion, Abstraktion, Transcodierung" die Rede - was immer das heißen mag, das Gehörte war nicht überzeugend. Nachdenkliches Gezische und Geklopfe, Geflüster und Geknarze, ohne erkennbare Struktur in den Klangraum zwischen den vier Lautsprechern gestellt: eine weitere Variation über das Thema, wie fad elektronische Musik sein kann.
Seltsam, daß dieses Genre, dessen Möglichkeiten ja eigentlich unbeschränkt sein sollten, in den letzten Jahren so schnell Klischees gebildet hat. Das merkt man auch, wenn es zur Begleitung optischer Eindrücke eingesetzt wird: So wie jeder weiß, wie es in der Grottenbahn und im Autodrom zu klingen hat, so genau steht heute fest, wie der Cyberspace tönt. Das typische Zischeln der mit lässiger Hand bedienten Schaltkreise ist längst zum Simsalabim für die "virtuellen Welten" geworden.
So zischelt es auch im begehbaren "TGarden" in der dieser Tage als "Takeover Campus" firmierenden Linzer Kunstuniversität beträchtlich. Dort zieht man immerhin phantastische Kostüme an, bevor man ein Kämmerlein betritt, wo einen ein durch Handbewegungen und Schritte veränderbarer Bildteppich erwartet. Man darf sich "spielerisch bewegen", was bald langweilig wird; wenn man Glück hat, geht die Batterie aus und man darf sich eine neue montieren lassen, dann fühlt man sich wenigstens ein bißchen wie ein Maschinenmensch . . .
Beeindruckender ist das "Field-Work" von Masaki Fujihata: Nach Anlegen einer simplen 3-D-Brille sieht man halbwegs heimelige Landschaften auf sich zukommen, kann sie aber nie festhalten, so fest man auch an einem Rad dreht.

Geometrie und Golf

Die irdischen Bilder entgleiten einem ständig, man stürzt in einen abstrakten Raum aus Linien, die einen zu bedrohen scheinen. Kein "hyperrealer Informationsraum", wie der Katalog behauptet, zumindest nicht für den Besucher, sondern ein Angriff der nicht immer brav euklidischen Geometrie.
Sonst nichts Neues im Cyberspace. Auch im Reich der Robotik verblüfft - oder, je nach Laune: beruhigt - auch heuer, wie langsam die Fortschritte sind. Etwa "Oskar" im Ars Electronica Center: ein Roboter, der angeblich "in Interaktion mit den BesucherInnen Golf spielt", aber nichts kann als mit einem Ball auf ein Loch zielen, wozu Winkel und Geschwindigkeit variiert werden. Keine Kunst, in beiden Bedeutungen des Wortes, schon gar kein "Take Over" der Kunst durch Wissenschaft.
Ein solches findet übrigens auch nicht statt, wenn man (nette) Darstellungen von Chromosomen ins Brucknerhaus hängt oder dort mit einigem Brimborium ein Labor zeigt, in dem präparierte Neuronen eines Fisches via Apparatur "malen" und tönen. Die für Kunst verantwortlichen Neuronen sind im Kopf der Menschen, und ein solcher darf die Kunst auch beurteilen: Das Klingklang bei der Installation "Fish & Chips" ist nur schwer erträglich.

© Die Presse | Wien
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