Pop-Ikonen und Krokodilsgeist
Ausstellung mit Frühwerken der Künstlergruppe "Wirklichkeiten" im
KunstHausWien: "Lob der Malerei"
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Die Ausstellung der Frühwerke der Gruppe "Wirklichkeiten" mit
dem Titel "Lob der Malerei", nach einem Bild von Kurt Kocherscheidt
benannt, die bis 9. Februar im KunstHausWien läuft, hätte auch "Als die
Beatles noch recht hatten" heißen können. Das meint der Kunsthistoriker
und Kritiker Otto Breicha, der nicht nur der Hauptleihgeber ist, sondern
auch der Entdecker und Namensgeber der losen Gruppe. Für eine Ersatzschau
in der Secession hatte er 1968 eine Malerin und fünf Maler
zusammengestellt, die mit den beiden in Wien verankerten Kunstrichtungen -
den Abstrakten der Galerie St. Stephan und den Phantasten - nichts zu tun
hatten. Dies erwies sich als die Füllung eines Vakuums, und die Gruppe
blieb nach wenigen gemeinsamen Aktivitäten zwar individualistisch, aber
bis 1988 so prominent, dass die Ausstellung im Zwanz'ger Haus wiederholt
wurde. Der dritte Auftritt jetzt beweist ein weitergehendes Interesse und
eine anhaltende Aktualität der Werke von Martha Jungwirth, Wolfgang
Herzig, Kurt Kocherscheidt, Peter Pongratz, Franz Ringel und Robert
Zeppel-Sperl. Damals leiteten sie sich von internationalen Strömungen
wie dem abstrakten Expressionismus, der Art-brut oder der wilden Malerei
der Cobra-Gruppe ab; heute steht fest, dass sie nicht nur durch ihre
demokratische Haltung gegenüber den Außenseitern in Kunst und Leben,
sondern auch durch ihr Abweichen von einem rein
eurozentristisch-westlichen Kunstbegriff und durch ihre Pflege einer
wilden Malerei - lange bevor es die "neuen Wilden" oder die postmoderne
Transavanguardia gab - auszeichnen. Martha Jungwirth pflegte neben
ihrer Orientierung am Amerikaner De Kooning und der Pop-Art eine
eigenwillige feministische Thematik, allerdings ohne sich in Agitation zu
verkrampfen. Ihre Einblicke in "ihre schwarze Küche", eine Konsumwelt von
Autos, Schuhen und weiblichen Akten änderte sie später in subtile
Reisebilder und abstrahierte Porträts in Grafik und Aquarell. Kollege
Wolfgang Herzig spießt die bürgerliche Wiener Gemütlichkeit mit scharfem
Umriss auf. Als Chirurg der Psyche filtert er das Böse und die raunzige
schleimige Weinerlichkeit schwacher Typen wie auch von Diktatoren
erbarmungslos in seine kulinarische Maltechnik. Vordergründige
Fröhlichkeit der Farbwahl, scheinbar kindliche Figurenauffassung mit
kleinen Spruchbändern, schier wissenschaftlich aufgeschnittene Leiber und
Welten: Peter Pongratz pflegt den Blues nicht nur während des Malens. Er
ist der Handke am nächsten stehende Vielbegabte (Musik und Literatur
kommen zur Malerei) und wurde von Alfred Schmeller zum intellektuellen
unter den "Krokodilen" emporgehoben. Kurt Kocherscheidt war der
Prominenteste, bevor er in den frühen neunziger Jahren jung verstarb - er
hatte den internationalen Durchbruch nicht nur mit der documenta
geschafft. Hier sind seine frühen bunten Dschunglbilder mit comichaften
Erzählungen; flott und locker gemalt, wild und sinnlich - in manchen
kündigt sich der später mit klaren, aber abstrakteren Formen agierende
Maler und Plastiker schon an. Franz Ringel hatte ein Gebilde aus Mensch
und Maschine gemixt, das durch Versorgungsschläuche an seine Umwelt
gebunden ist, und durch seine Ausflüsse, seine rosa Haut und seine
schleimige Konsistenz relativ ekelig wirkt. Doch er verteidigte die
relative Schönheit seiner psychoanalytisch als Nabelschnurwesen leicht
lesbaren Abhängigen und ging danach dazu über aus Farbpaste maskenhafte,
aber trockenhäutig anmutende Figuren und Köpfe reliefhaft aufzutragen.
Robert Zeppel-Sperl ist der mit Schröder-Sonnenstern weit entfernt
Verwandte, der scheinbare Naivität aus dem Dämonenhimmel seiner zweiten
Heimat Bali und der dortigen Kunst schöpft. In jungen Jahren malte er
autobiografische Familien- und Freundschaftsbilder, in denen er schon auch
mal selbst zu einem friedlichen Gott mutiert, wie das in der Hippie- und
Beatles-Generation eben immer gern metaphorisch passierte.
Erschienen am: 04.12.2002 |
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