15.06.2003 19:36
Wer die Wahl hat, schafft an
Länderpavillon von Luxemburg als bester nationaler Beitrag prämiert -
Ehren-Löwe für Grand Dame der italienischen Avantgarde Carol Rama - Foto
Die Biennale-Jury hat Luxemburg (Installationen von Su-Mei Tse)
mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet. Weitere
Preisträger sind Peter Fischli/David Weiss, Oliver Payne/Nick Relph sowie Carol
Rama und Michelangelo Pistoletto.
Vor Ort war dann endgültig jedem klar, was Biennale-Leiter Francesco
Bonami mit seinem Motto "Diktatur des Betrachters" anzudeuten versucht hat:
Venedig in Zeiten der Biennale ist endgültig unüberschaubar
geworden.
Nicht nur, dass in sämtlichen Palazzi der Stadt zusätzliche
Ausstellungen um Aufmerksamkeit ringen. Nicht nur, dass Abendtermine ob des
Überangebots an parallelen Empfängen wohl überlegt sein müssen. Nicht nur, dass
die Logistik Venedigs heillos überfordert ist angesichts allzu dichter
Programme. Selbst in der Beschränkung auf das offizielle Biennale-Programm
besteht kaum mehr Aussicht auf Überblick.
Und also liegt es am
Betrachter, mehr oder weniger wahllos Entscheidungen zu treffen, was anzusehen
sich eventuell lohnen könnte - und was nicht. Jede Videoinstallation bedeutet
Stress: Die 20 Minuten für den ganzen Film fehlen dem nächsten. Und: Die
Aufnahmefähigkeit für idealerweise komplex angelegtes Kunstmaterial ist nun
einmal begrenzt. Diktatur heißt dann: zwangsläufig beliebige
Selektion.
Und dann redet man sich ein, zumindest sämtliche
Länderpavillons begutachtet zu haben - und dann gewinnt just Luxemburg den
Goldenen Löwen für die beste Einzelpräsentation. Und dann geht eben ein Raunen
durch Haig's Bar nahe San Marco, und Stress kommt auf, und man muss morgen doch
noch gesehen haben, was man gestern fahrlässig in die Kategorie "Das spar' ich
mir" gereiht hat.
"Was haben die eigentlich ausgestellt?", fragt man
üblich vertrauenswürdige Kollegen und erfährt dann Unglaubliches. Mitten im
heißesten Juni seit Menschengedenken gewinnt eine Präsentation mit dem Titel Air
Conditioned! Das ist kein Scherz, sondern u. a. ein Video mit dem Untertitel
Echo. Die Künstlerin Su-Mei Tse sitzt da vor einer Schweizer Bergwand auf saftig
grünen Almwiesen, bearbeitet ein Cello, und "The Sound of (Heidis) Music" kommt
verzögert zurück - ergibt einen Goldenen Löwen.
Einen weiteren hat das
Duo Fischli/Weiss eingefahren. Die beiden kennt man jetzt annähernd 20 Jahre
lang für ihr Kettenreaktionsvideo Der Lauf der Dinge. Diesmal haben sie 405 Dias
über ein kleines Bett projiziert, um derart zu illustrieren, was man sich im
Lauf einer Nacht, schwer träumend, so alles fragen kann. Zum Beispiel: "Was
denkt mein Hund?" und "Warum weiß ich immer alles besser?". Der Betrachter,
offiziell ermutigt, diktatorisch vorzugehen, denkt an einen großen Wiener
Museumsdirektor, schmunzelt und geht weiter.
Keine
Entdeckungen
Er kommt an Bonamis Sub-Schau Clandestines ("Blinde
Passagiere") vorbei, erfährt, dass es sich hierbei um gemeinhin unbekannte
Künstler handelt und dass Bonami deren Status für ungerecht hält. Entdeckung war
dennoch keine darunter.
Aber um Althergebrachtes wie Qualität darf es ja
diesmal gar nicht gehen. Die beiden Sondereinheiten im Arsenale - die Utopia
Station von Molly Nesbit, Hans Ulrich Obrist und Rikrit Tirivanija; Hou Hanrus
Zone der Dringlichkeit - zeigen warum: Teilhabe ist angesagt, kollektives
Nachdenken und kreativ Sein. Was dabei herauskommt, ist weniger wichtig.
Hauptsache, es dient dem guten Zweck, dem Eingedenken einer besseren Zukunft und
der Neuordnung der Großstädte und der gerechten Verteilung der Güter und der
Nächstenliebe ohne spezielle Konfession. Man muss sich das jetzt so vorstellen,
als hätte in Woodstock jeder eine Laubsäge und einen Internetzugang dabei
gehabt. Exakte Künstlerlisten gibt es keine mehr: Weil wenn schon der Betrachter
diktatorisch agiert, dann kann umgekehrt ein jeder sich hinsetzen und die
beliebte Behauptung "Ich bin ein Künstler" vom Stapel lassen - samt
Belegbastelei.
Im Museo Correr geht es dafür ganz gegenteilig zur Sache,
hier ist mit dem Kapitalismus noch alles in der rechten Ordnung: Malerei von
Rauschenberg zu Murakami hängt an den Wänden, als hätte ein Experte von
Sotheby's oder Christie's seine Lieblingsauktion zusammengestellt.
Und
damit jetzt doch noch ein Künstler lobend aus der Masse hervorgehoben wird:
Jimmie Durham notiert zu einem goldgestrichenen Vierkantholz: "A piece of wood
sculpted by a machine, painted by a human". Und zu einem ebenfalls vergoldeten,
offensichtlich angenagten Ast: "A piece of wood sculpted by a Dog, painted by a
human." Der Diktator hat gesprochen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16.6.2003)