Ein großes österreichisches Wunder und die absolute Freiheit
Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Kurator Wolfgang Denk ist es mit Hilfe zahlreicher
öffentlicher und privater Sammlungen mit bestmöglichen Exponaten gelungen,
einen Mythos zu erwecken. In Galerie und zentraler Halle der Kunsthalle
Krems hat er bis 7. September mit "Mythos Art-Club. Der Aufbruch nach
1945" alles konzentriert vereint, was nach 1945 an Avantgarde in Wien
zusammenkam: Kriegs- wie Emigrationsheimkehrer (Moldovan und Wotruba),
Überlebende mit Berufsverbot (wie Maria Biljan-Bilger, Rudolf Hausner) und
die Jungen (Hutter, Lehmden oder Hundertwasser) trafen sich zuerst in
privaten Ateliers, dann im so genannten "Strohkoffer" unter der Loos-Bar,
später über dem Domcafé in der Singerstraße. Es waren neben den bereits
Genannten u. a. Heinz Leinfellner, Maria Lassnig, Kurt Stenvert, die
Bildhauer Hoflehner, Pillhofer und Wander-Bertoni. Gründer war der Maler
Carl Gustav Beck, erster Präsident Albert Paris Gütersloh (der als
Vierteljude mit Berufsverbot in Wien überlebt hatte) und der Organisator
Alfred Schmeller, der spätere Direktor des Musems des 20. Jahrhunderts.
Die Vereinigung existierte bis 1960, expandierte auch nach Salzburg
und hatte internationale Vorbilder von Paris bis Südamerika. Aus diesem
Aufbruchsklima der Toleranz sind dann die beiden wesentlichen Strömungen
der Nachkriegszeit hervorgegangen: die Phantasten und die Abstrakten; im
Art-Club waren sie noch eine Einheit und nicht nur auf den Fotos mischen
sich Mikl, Greta Freist, Gottfried Goebel, Edgar Jené, Rudolf Hausner,
Roman Haller; aber auch Kubin, Kolig oder Szyskowitz gehörten dem Art-Club
an. Hausners "Aporisches Ballett", das im Foyer des Konzerthauses nach
Protesten abgehängt werden musste (kommt uns doch bekannt vor - siehe
Gelatin in Salzburg), ziert Plakat und Katalog und ist in der zentralen
Halle nebst erstklassigen Arbeiten von Rainer, Lassnig, Stenvert oder
Hutters legendärem Theaterbild zu finden. Frech auch dieses; streckt doch
ein Paar den Betrachtern nackte Hinterteile entgegen. 1981 gab es eine
einzige Retrospektive von Otto Breicha und der Katalog von damals ist auch
noch in Krems neben dem neu erarbeiteten zu bekommen; er war lange einzige
Quelle zu dieser mythischen freien Gruppe, deren Individualismus Hutter
als österreichisches Wunder bezeichnet hat. So frei ist es auch erst
wieder viele Jahrzehnte danach geworden und auch die Zeitschrift "Plan"
als Organ des Clubs, mit dem Anspruch einer Orientierung an Karl Kraus,
integrierte alle Strömungen. Selbst die Kunsthistoriker Otto Demus und
Otto Bensch sowie der Kustos des KHM, Ernst Buschbeck, aber auch Dichter
wie Celan und Rühm sowie die Musiker Zawinul oder Gulda schlossen sich an.
Die internationalen Kontakte sind nicht zu unterschätzen. Allerdings
brachten sie den Avantgardisten seitens der Kritiker auch den Vorwurf der
chaotischen Verworrenheit ein: wie jede radikal neue Kunstphase. Später
spalteten sich die Abstrakten in zwei Gruppen und der Club mit 64
Mitgliedern, allerdings nur mit 16 Gründungsmitgliedern, löste sich nach
Jahren der Stagnation auf. Heute wollen zu Recht viele dabei gewesen sein.
Erschienen am: 27.08.2003 |
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