Performance gegen den Alltagsrassismus

Für Santiago Sierra liegt die globalisierte Ökonomie auf einer Ebene mit politischen Diktaturen.


Von der eigentlichen Performance wird das Publikum nichts mitbekommen, wenn Santiago Sierra im "project space" der Kunsthalle Wien am Karlsplatz sein Projekt "Hiring and Arrangement of 30 Workers Relating to their Skin Colour" durchführt: Dreißig in Wien lebende Menschen sollen dabei nach ihren Hautfarben geordnet aufgestellt werden, der Prozess des Sortierens wird per Video und fotographisch dokumentiert - und diese Spuren allein sind es, die dann ausgestellt werden.

Der Reduktion menschlicher Körper auf ihre Hautfarbe entspricht wiederum eine Reduktion des Mediums: Statt Farbaufnahmen wird Sierra Schwarz-Weiß-Material einsetzen, das damit die Differenzen der Haut auf ihre Helligkeitswerte reduziert.

Alltagsrassismus

Diese Form der Medialisierung erschwert, allein mitleidig auf die Instrumentalisierung und Verdinglichung menschlicher Individuen zu reagieren. Statt dessen kann das Setting die Wahrnehmung des Auswahlprozesses ermöglichen, der sein Widerspiel im unwillkürlichen kleinen Rassismus hat, dem sich zu entziehen kaum möglich ist: Die Hautfarbe eines persönlich unbekannte Passanten generiert die entsprechenden medial vermittelten, durch Erfahrung angenommenen und nicht notwendig bewussten Reaktionsmuster.

Grundlagenforschung

Transparent in einer Bucht aufgehängt, August 2001 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra
Transparent in einer Bucht aufgehängt, August 2001 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra

Je dunkelhäutiger eine Person ist, die auf der Straße mit einer höflichen Entschuldigung ein Gespräch einleitet, desto eher erwartet man, um Geld angegangen zu werden. Die Bestätigung der unwillkürlichen Ressentiments durch Erfahrungen funktioniert indes nur, wenn ihre Ursachen aus dem Blick geraten. Die Performance wie ihre Dokumentation und Ausstellung klagen den alltäglichen Rassismus dabei weniger an, als dass sie Interesse an eben diesen Ursachen wecken: Ob es nicht denkbar ist, dass die globale Diktatur der westlichen Wachstumsökonomien eben so sehr Menschen zu fliehen zwingt wie Bürgerkriege und die despotischen Regierungen mancher Staaten?

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