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Sammlung Essl: Harald Szeemanns "Blut & Honig"-Balkan-Kunstschau

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Subversiver als westliche Kunst

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

300 Jahre Wiener Zeitung!Die Sammlung Essl wagt mit "Blut & Honig. Zukunft ist am Balkan" nicht nur die Zusammenarbeit mit einem der bekanntesten Ausstellungsmacher Europas, sondern auch ein Blick in hierzulande größtenteils unbekannte künstlerische Gebiete Südosteuropas wie Ex-Jugoslawien, Rumänien, Albanien, Bulgarien bis Moldawien und die Türkei. Das Ergebnis, gefördert durch Reisen und Ansprechpartner in allen kleinen und größeren Städten, kann sich mit 73 KünstlerInnen-Positionen, meist Videoinstallationen, aber auch Foto, Malerei und Objektkunst, sehen lassen (bis 28. September - unbedingt besuchen!).
Der Titel, bestehend aus den Übersetzungen von "Bal" ("Honig") und "Kan" ("Blut"), zeigt in seinem zweiten Teil, dass die multiethnischen, multireligiösen, durch politische und wirtschaftliche Probleme geschüttelten Länder eine enorm spannende Kunst hervorbringen, die aber auch den Drang, in die EU zu kommen, einschließt. Von Harald Szeemanns Faszination mitgerissen, müsste man eigentlich danach das Gefühl haben, die westliche und südwestliche Kunst Europas sei abgeschlafft, ihr Stellenwert geringer als in diesen Ländern; wären da nicht die schon lange im Exil lebenden VertreterInnen. Sicher ist aber, die Attacken auf die Zustände sind wesentlich härter hervorgearbeitet als uns ÖsterreicherInnen mit dem unwürdigen "Salzburger Sommertheater" um die Skulptur der Gruppe Gelatin klar wird. Gesellschaftliche Angriffe laufen jedoch auch in Serbien ab und zu über das Thema Pornografie: gestickt von Jelena Radic, erinnert an Arbeiten Deborah Sengls.
Ganz Szeemann sind zwei Auftakte: der Leichenwagen des Thronfolgers Franz Ferdinand und eine Galerie des "Homo socialisticus" der Nationalgalerie in Tirana; im Katalog sind auch mehr historische und politische Statements als kunsthistorische zu finden (einer von Erhard Busek). Die Beiträge sprechen meist ohnehin für sich; für ihre Fülle wurde auch die permanente Schau ausgeräumt und das ganze Piano Nobile bespielt. Einleitend bekannte Namen wie Braco Dimitrijevic mit seinen postmodernen Helden und Marina Abramovic mit ihrem frühen Video "Star", einer blutigen Einritzung zur Zeit des Aktionismus, der als Anregung auch in dieser Schau spürbar bleibt. Rasa Todosijevic macht die Rahmenhandlung zeitlich von seinem Video "Was ist Kunst" 1977 bis zur 2002 entstandenen Installation mit Hakenkreuzabwandlung "Gott liebt die Serben". Vorausschau und Verkanntsein als Künstler werden von Antinationalismus und der Idee einer Verflechtung mit dem restlichen Europa (auch durch die slowenische Gruppe IRWIN verknüpft) verbunden. East Art Map und Balkan Art Network (BAN) helfen uns, die unbekannten Felder aufzuspüren.
Auch türkische und kurdische KünstlerInnen greifen ihre eigenen Schwächen auf: besonders krass Halil Altindere, der einen nationalistischen Spruch Atatürks banalisiert. Hier wird überall Tabubruch bewusst begangen, da politisch, bei den Albanern und Kosovaren auch gesellschaftlich, indem das mit Füßen getretene Frauenrecht zur Sprache kommt: Ornela Vorpsi, Adrian Paci, aber auch Erzen Shkololli thematisieren das verschiedentlich; sogar der altehrwürdige Harem wird von Cem Aydogan homosexuell umgedeutet und Basiv Borlakov versetzt das islamische Gebet gar auf einen Coca-
Cola-Teppich.
SubReal macht sich böse über das Draculaland Rumänien her, indem die Mona Lisa mit dem Bildnis von Finsternisfürst Vlad Tzepesch verbunden wird. Maja Bajevic hat mit dem poetischen Video "Women at work" und dem Triptychon "Washing up" 2001 eine nötige Aufarbeitung der Tito-Ära begonnen: Frauen verwaschen eingestickte Slogans des Staatsgründers; am härtesten in der Revue ist jedoch das Video "Milka" von Sokol Beqiri, in dem Kühe an Stelle der Albaner abgeschlachtet werden. Ebenso eindrucksvoll sein Guckkastenvideo im Bild Sartos "Abraham und Isaak" umgedeutet in "When Angels are too late" mit gleichem Thema. Auch das Video "Coma" von Dalibar Martini beschreibt, wie stark die Kunst gegen den Nachbarschaftshass ankämpfen muss.
Allen gemeinsam ist die Härte des Protests gegen Völkermord und Vertreibung, Ironie bis zum Sarkasmus, selbst bis Moldawien, wo Mark Verlan bildnerisch New York unter Wasser setzt und Moskau brennen lässt. Antoni Maznevski hat es auf den deutschen Volkswagen abgesehen und macht ihn zum "Double Fault", Esra Ersen funktioniert die deutsche Flagge durch Beschneidung von Schwarz gar in eine des Fussballclubs Galatasaray (Istanbul) um.
Die Emigranten werden von Nevin Aladag und Ayse Erkmen abgehandelt, auch die Türkin Gülsün Karamustafa handelt vollendet die Vertriebenschicksale ihrer Großmütter ab.
Die Kritik am eigenen Land ist vielfältig. So macht es Teodor Grau onomatopoetisch: graue Bilder als Stimmungslage Rumäniens, Alban Hajdinaj verwendet Kirschen über männlichem Modell, die Modeschöpferin Mariela Gemisheva schminkt einen toten Fisch als "Alter Ego" und Uros Djuric macht sich über Malewitsch lustig.

Erschienen am: 27.08.2003

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