Verlagerung einer Topfdemonstration

Santiago Sierra importiert den Protest der argentinischen Bevölkerung nach Österreich.


Wenn es nach den Vorstellungen des spanischen Künstlers Santiago Sierras geht, wird am kommenden Samstag ab 17.00 Uhr neben anderen Ländern des Westens auch in Österreich allerorten der eigentümliche Lärm von zusammen geschlagenen Töpfen und Pfannen zu hören sein.

Beschallung des öffentlichen Raums

Im Vorfeld seiner für den Oktober geplanten Ausstellung in der Kunsthalle Wien fordert er dazu auf, mit den Aufnahmen von Demonstrationen in Argentinien im März dieses Jahres den öffentlichen Raum zu beschallen. Dafür verteilt die Kunsthalle kostenlos 1.000 CDs und Radio Orange wird auf 94.0 Mhz die Geräusche senden, die auch hier und bei dem britischen Netzradio resonancefm als Webstream zur Verfügung stehen.



Roter Faden

Sierras "Displacement of a Cacerolada" (Verlagerung einer Topfdemonstration) stellt eine Akzentveränderung zu seinen vorangegangenen Aktionen dar: Zuvor hatte Sierra zumeist vor Ort Akteure - illegale Einwanderer, heroinabhängige Prostituierte, Obdachlose - dafür bezahlt, sich für sinnlos erscheinende Tätig- und Untätigkeiten zur Verfügung zu stellen. Diese Aktionen wurden fotographisch und filmisch dokumentiert.

Eine 10-inch-Linie einrasiert in die Haare zweier Junkies, bezahlt mit einem Schuss Heroin, Oktober 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra
Eine 10-inch-Linie einrasiert in die Haare zweier Junkies, bezahlt mit einem Schuss Heroin, Oktober 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra

Gratis oder umsonst?

Zwar geht es auch bei dem "Displacement" um Geld, doch fehlt es gleich in doppelter Hinsicht: Das private oder veröffentlichte Abspielen der CD, des Streams oder der Radiosendung bleibt ebenso unbezahlt wie der lautstarke Protest in Argentinien, der seinerseits eben ausgelöst wurde durch fehlendes Geld: Nachdem die Regierung auf Druck internationaler Finanzorganisationen wie des IMF den Peso abgewertet und die Sparkonten der Bürger gesperrt hatte, eskalierte die Verarmung ebenso wie die Proteste gegen diese Politik.

Verkehrte Globalisierung

Sierras Intention ist es zwar, den Lärm dieses Protestes in die ökonomisch dominierenden Staaten des Westens und damit dorthin zu exportieren, wo die Krise der argentinischen Wirtschaft ihre eigentlichen Ursachen hat. Das 'Displacement' allein als aufklärerische Geste zu verstehen, griffe jedoch zu kurz - nicht umsonst weigert sich Sierra, Handlungsvorschläge über die konkrete Aktion hinaus zu machen. So wird es den Beteiligten überlassen bleiben, ob sie ihr Engagement als Geste hilflosen Protests, als Stellvertretung der argentinischen Demonstranten oder als akustische Verunreinigung des auch hierorts immer genauer kontrollierten öffentlichen Raumes verstehen.

Radio &sterreich 1