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Die Nachwelt flicht keine Kränze

Seinen 60. Geburtstag feiert Peter Weiermair im fernen Russland. Seine alte Wohnung in Innsbruck hat der Weltbürger aber nie aufgegeben

TT: Gibt es in Ihrer alten Heimat Tirol eine Nachfeier?

Weiermair: Ja, aber erst Ende des Jahres, wenn das derzeit entstehende, von einem Freundeskreis initiierte Buch über mich erscheint. Alle meine Aktivitäten, die von Sydney über die USA nach Frankfurt und Bologna bis nach Innsbruck reichen, sollen hier aufgelistet, kommentiert und seltene Dinge, wie etwa Fotos, reproduziert werden.

TT: Ist der 60. Geburtstag Anlass, Bilanz zu ziehen?

Weiermair: Ja, viel mehr als mit 40 oder 50. Beim Tod meines Kurator-Kollegen Otto Breicha wurde mir schmerzhaft bewusst, dass wir Dinge machen, die für die junge Generation offensichtlich vollkommen belanglos sind. Die Nachwelt flicht dem Kurator keine Kränze. Heute zählen nur noch Ereignisse, immer noch teurere, größere, spektakulärere Ausstellungen. Der historische Aspekt fällt vollkommen weg, es ist nur noch die unmittelbare Gegenwart interessant und die wird sofort gelöscht, wenn etwa Neues nachkommt. Die eigentliche Museumsarbeit wird dagegen überhaupt nicht mehr registriert.

TT: Sie dagegen entdecken ja gern junge oder unbekannte Künstler und verfolgen Ihren Lebensweg.

Weiermair: Ja, ich bin prinzipiell ein treuer Mensch. Ich mag es, Künstler zu entdecken und sie immer wieder vorzustellen. Ich in Bologna war der Einzige, der den 80. Geburtstag von Karl Prantl mit einer wunderbaren Ausstellung gewürdigt hat.

TT: Das klingt bitter. Aber Sie haben doch sehr viel in Ihrem Leben erreicht.

Weiermair: Die Bilanz über mein Leben fällt sehr ausgeglichen aus. Als Buddhist habe ich ein Bein in Asien, eines im Westen. Meine 18 Jahre als Leiter des Frankfurter Kunstvereins waren für mich sehr wichtig und die jetzige Aufgabe als Direktor des Modernen Museums von Bologna ist wunderschön.

TT: Das Zwischenspiel zwischen Frankfurt und Bologna in Salzburg verschweigen Sie. Wollen Sie daran nicht erinnert werden?

Weiermair: Vergangenes taucht man üblicherweise ja in immer rosigeres Licht, bei Salzburg ist es genau umgekehrt. So war meine Berufung nach Bologna ein wahrer Glücksfall. Noch dazu, da es damals keinen einzigen Museumsleiter in Italien gab, der nicht Italiener war.

TT: Ihre Anfänge waren aber in Innsbruck, wo Sie mit anderen die Taxisgalerie bespielten und wo Sie Ihre Allerheiligenpresse betrieben. Wie passierte dieser Absprung von Innsbruck?

Weiermair: Diesen habe ich Max Weiler zu verdanken, der die Gefahr meines Versumpfens erkannt hat und mich als seinen Assistenten an die Wiener Akademie geholt hat. Das hat mir den notwendigen Abstand verschafft, wenn ich
nach Innsbruck auch immer wieder gern zurückkomme.

TT: Hat sich in diesen vielen Jahren, in denen Sie sich mit Kunst beschäftigen, Ihr Sehen verändert?

Weiermair: Ja, sehr. Obwohl ich einer der Lostreter der Konzept-Kunst war, bin ich heute über die industrielle Ausbeutung dieser Art von Kunst enttäuscht. Heute ist fast alles nur noch Sozio-Kunst, aber das wird sich sehr bald ändern.

TT: Ihr Kunstgeschmack ist ja generell antizyklisch.

Weiermair: Ja, das stimmt. Aber nach einer gewissen Zeit hat sich meist die Qualität meiner Künstler herausgestellt. So habe ich eine Louise Bourgeoise oder einen Julian Schnabel ausgestellt, als sie noch niemand ausgestellt hat.

TT: Ihre Meinung ist in Tirol nach wie vor sehr gefragt. Etwa im Zusammenhang mit dem geplanten Haus der Kunst sollen LH van Staa und BM Hilde Zach sehr auf Ihren Rat Wert legen.

Weiermair: Hier hat es Gespräche gegeben und diese sollen auch fortgesetzt werden. Ich habe deponiert, was in Innsbruck machbar, sinnvoll und finanzierbar wäre. Durch die Neupositionierung des Kunstraums und das Programm der Taxisgalerie dominiert in Innsbruck eine ganz bestimmte ästhetische Position, die vielleicht ein Ungleichgewicht erzeugt. Dem etwas Anderes gegenüberzustellen, wäre sicher wichtig. Aber das kommt teuer. In Innsbruck gibt es jedenfalls ein intellektuell sehr anspruchsvolles Publikum. Und das wird derzeit kaum bedient.

TT: Könnten Sie sich vorstellen, nach Innsbruck zurückzukehren und so ein Haus leiten?

Weiermair: So ein Haus einzurichten würde mich schon reizen.

TT: Würde Sie die Aufgabe, Österreich bei der Biennale von Venedig zu kuratieren, nicht mehr reizen?

Weiermair: Diese Nominierungen sind allein politischer Natur. Und ich halte mir zugute, politisch nicht einordenbar zu sein. Aber ich werde demnächst in Görz, allerdings von Italien nominiert, den Österreichteil einer großen internationalen Ausstellung über die Skulptur im 20. Jahrhundert kuratieren.
2004-04-20 18:38:42