Die Last der „wilden Jahre“

18. September 2007 | 17:41 | Graz
Der „steirische herbst“ ist 40 Jahre alt: ein tadelloses Mehrspartenfestival für Gegenwartskunst, wäre da nicht die Erinnerung an eine verblichene Avantgarde.

Martin Behr
Graz (SN). Ist der „steirische herbst“ im 40. Jahr seit seiner Gründung noch immer das, was er sich nennt, nämlich ein Festival neuer Kunst? Erfindet es sich, so wie im Prospekt und auf der Internetseite behauptet, jedes Jahr neu? Oder ist es mit den Jahren brav und lahm geworden?

Tatsächlich hat die vom „steirischen herbst“ ausgehende Erregungskurve Jahr für Jahr nachgelassen. Schrille Provokationen greifen heute nicht mehr so wie früher. Aber der „steirische herbst“ ist immer noch das – auch international wahrgenommene – Aushängeschild der zeitgenössischen steirischen Kultur. Morgen, Donnerstag, wird das Festival mit der Klanginstallation „Closed Enough“ von Staalplaat Soundsystem in der Helmut-List-Halle eröffnet.

Der „steirische herbst“ wolle die Schrift der Zeit mit wachem Auge sehen, sagte Langzeitpräsident Kurt Jungwirth im Jahr 1977. Und 1968, zum ersten „herbst“, hatte der mittlerweile angesichts kulturpolitischer Orientierungslosigkeit glorifizierte VP-Kulturlandesrat Hanns Koren in seiner Eröffnungsrede 1968 gesagt, dass Tradition „für uns kein Ziel ist“.

Ein Stachel im Fleisch des Grazer Bürgertums

Seit der Gründung war der „herbst“ ein Stachel im Fleisch eines Bürgertums, das reaktionären Nachkriegsmief ausströmte. In diesem Klima gedeihten Skandale prächtig, die Bürgerseele kochte angesichts der prägnanten Plakatkunst von Karl Neubacher, nackter Haut und Fäkalworten in der „Gespenster“-Uraufführung von Wolfgang Bauer oder „trigon“-Ausstellungen, die den Puls der Zeit befühlten und so verstörten: Proteste, Ärger, Klagen.

In der Intendanz von Peter Vuijca (1982–1989) geriet dieses funktionierende Wechselspiel aus (nicht immer berechnender) Aktion und schnaubender Bürgerreaktion ins Stocken. In den angestrebten „Ausnahmezustand“ einer Kleinstadt mengten sich Routine und Abgeklärtheit. Ausnahmen wie der Brandanschlag auf Hans Haackes rekonstruierte NS-Siegessäule 1988 bestätigten diese Regel.

Der Ruf (und Fluch?) des irritierenden Mehrspartenfestivals mit Reibebaumfunktion hatte sich aber längst festgesetzt. Die Enttäuschung darüber, dass die wilden Jahre vorüber sind, wurde zum alljährlichen Begleiter. In der Ära Horst Gerhard Haberl (1990–1995) wurde mit der „Nomadologie der Neunziger“ Denkarbeit betrieben, zugleich loderte mit den Uraufführungen von Stücken Werner Schwabs die Grazkunst wieder auf.

Allein: Es wurde zunehmend schwieriger, den Bazillus der Revolte ins Volk zu tragen. Die Versöhnung von Kultur und Gesellschaft schritt voran: nicht optimal für ein „Avantgardefestival“. Intendantin Christine Frisinghelli (1996–1999) brachte in den „herbst“ bislang kaum beachtete Themen wie die Genderdebatte ein und belebte mit Christoph Schlingensiefs „Chance 2000“ den öffentlichen Raum.

Wenn die Mythen zu mächtig werden, helfen Fokussierung und Neudefinition. Das dachte sich vermutlich Intendant Peter Oswald (2000–2005), der das Festival gemäß seiner Kompetenz zu einem Ort des avancierten Musiktheaters mit Rahmenprogramm umfunktionierte. Der „steirische herbst“ setzte auf Leitprojekte und Gesichertes (Ausnahme: Händl Klaus), und im Dunstkreis von „Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas“ begann ein Liebäugeln mit dem Event. Die Kosten für die teure und unprofessionell gemanagte List-Halle brachten den „herbst“ ins Trudeln.

Kunst ermöglichen,

nicht nur vorführen

Seit dem Vorjahr leitet die Theaterfachfrau Veronica Kaup-Hasler die „herbst“-Geschicke, und schon zur Premiere wurden inhaltliche Leitlinien deutlich: Das Festival als ganz und gar nicht elitärer Begegnungsort. In einer Vielzahl von Kleinveranstaltungen soll „Kunst ermöglicht und nicht nur vorgeführt werden“. Angewandte Risikobereitschaft ersetzt einen zur Leerformel verkümmerten „Mut zum Experiment“. Vom Starkult wendet man sich ab und forciert stattdessen – im Sinne Korens – den Austausch zwischen den Kreativen. Lokale Anbindung wird verknüpft mit internationalem Anspruch.

Was 2006 mit Abstrichen funktioniert hat, will Kaup-Hasler heuer unter dem Leitmotiv „Nahe genug“ weiterführen. Der im Grazer Kunstleben omnipräsenten, mit Herzblut agierenden Intendantin geht es um „dieses Zuviel und Zuwenig, dieses nie richtig sein, dieses Paradox, das gleichzeitig Triebfeder zwischenmenschlicher, politischer, künstlerischer und performativer Kraft und Motivation ist.“ Schillernde Köder, um das deutsche Feuilleton nach Graz zu locken, sind nicht zu erkennen, wohl aber Off-Theater-Meister (Tim Etchells, Baktruppen), Jungstars (Gerhild Steinbuch) und Gerade-Noch-Geheimtipps (FM3). In der visuellen Kultur setzt Kaup-Hasler auf Understatement: Nur wer nahe genug dran geht, erkennt die heurigen „herbst“-Plakate. Neu ist für den „herbst“, dass er mit dem Landesausstellungs-Klon „Regionale“ einer finanziell hoch dotierten Konkurrenz ausgesetzt ist. Diese ist offenbar von der Politik erwünscht. Heute, am Tag vor „herbst“-Beginn, wird das das „Feinkonzept“ der „Regionale“ präsentiert. „steirischer herbst“ versus „Regionale“: Da drohen Konflikte.

© SN/SW

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