15.04.2002 03:15:00 MEZ
Die Kunst, der Kran, die Kiste
Flatz-Werkschau in der Kunsthalle Krems im Beisein von "Kunst gegen Gewalt"-Initator Franz Morak eröffnet

Foto: Kunsthalle Krems
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Kunsthalle Krems
Bis 28. April.


Mit einer Aktion und einer Werkschau des Künstlers Flatz demonstrierten Kunststaatssekretär Franz Morak und Carl Aigner, Direktor der Kunsthalle Krems, ebendort ihren Willen zur Kunst gegen Gewalt.

Von Markus Mittringer


Krems - Krems an einem ganz normalen Samstag: Voll die Fußgängerzone, weniger voll die Kunstmeile. Ein langer Samstag unter dem Motto "Einkaufen gegen Gewalt", das wär' einmal was, da würde wirklich jeder die rechte Gesinnung raushängen lassen und friedlich shoppen. "Kunst gegen Gewalt" lockt weniger.

Immerhin: Das Kunsthallen-Restaurant von Toni Mörwald, "m.kunst.genuss", war recht voll, und auch vor der gegenüberliegenden, etwas einfacheren Ausspeisung "Hofbauer" verdichteten sich Grüppchen von Schaulustigen zu einer kleinen Menge.

Mitten drinnen Franz Morak, der Staatssekretär und Initiator von "Kunst gegen Gewalt", immer ganz dicht neben ihm Carl Aigner, der Direktor der Kunsthalle und Kurator der kleinen Werkschau zur folgenden Aktion. Dem Sekretär noch nahe: Rainer Metzger, Kunstkritiker und Konzeptionist der engagierten Initiative, die Staatspolizei sowie die regionale Prominenz: Politik, Kunst, Adel.

"Einer für alle"

Flatz, der Künstler gegen Gewalt, gab noch letzte Direktiven, stieß dann zur Kerngruppe vor, als es kam, das Exponat, sein Beitrag zur Nächstenliebe. Es kam in einer großen Kiste, und es kam die ansonsten leere Kunstmeile entlang. Vorbei an der Strafanstalt, vorbei am Karikaturenmuseum. Es hing an einem Kran, und folglich kam es langsam. Es wurde so lange immer größer, bis die gespannte Menge endlich lesen konnte: "Einer für alle".

Und Beklommenheit breitete sich aus, tief empfundenes Unwohlsein. Wir wussten, hinter den Brettern der Transportkiste lauert - die ungeschminkte Wahrheit.

Die Hüllen werden fallen, und unmittelbar wird Betroffenheit sich einstellen, schreckliche Erkenntnis. Und so geschah es auch: Die uniformierten Mitarbeiter des Kunstbetriebes demonstrierten noch einmal gnadenlos die Distanz der professionellen Maschinerie zu Inhalt und Tragweite ihres Tuns, entpackten das brisante Objekt wie jedes andere auch.

Und als dann die ersten Planken fielen und ein unheimlicher Wind aufkam, der Wahrheit die letzten schützenden Fetzen Noppenfolie vom Antlitz zu reißen, war es schreckliche Gewissheit: Ja, es ist einer von uns, ein Mensch, einer der ärmsten, ein Neger!

Demütig wandten wir die Gesichter ab, folgten dem Sekretär und dem Direktor und dem Kritiker am leeren Mörwald vorbei zur Besinnung ins Innere - und ließen das Symbol unserer Schande, den Neger, im Regen stehen.
(Wie schon so oft war der Bauer uns nach dem Fruchtgenuss kein Anliegen mehr. Aber das sollte uns erst später ins Bewusstsein knallen, als wir uns vermeintlich geläutert heimwärts wandten und der noch immer da stand.)

Kreuzwegstationen

Drinnen dann Andachtsbilder und Kreuzwegstationen aus dem Leben des Flatz. Flatz als Hitler: Stellvertretend für uns alle ist er in die Rolle geschlüpft, hat die Schuld auf sich genommen, um uns endlich die Augen zu öffnen: Nicht in einem von uns, nein, in jedem von uns steckt ein Hitler. Schrecklich! So schrecklich wie die Wahrheit, dass hinter jedem Helden eine Tragödie steckt: hinter Robespierre etwa die Guillotine; hinter Hemingway ein Loch im Kopf; hinter Andreas Baader Deutschland.

Und dann die Trimmgeräte! Flatz hat sie entlarvt, hinter funkelndem Chrom Instrumente zur vorauseilenden Ertüchtigung, Wegbereiter des Grauens gefunden.

Gott sein Dank konnte uns der Direktor wenigstens für Minuten vom Eingedenk an "Kraft durch Freude" ablenken: "Noch nie", bemerkte er scherzhaft, "hätte er ein derart fittes Aufbauteam gehabt." Das war dann doch ein Signal, bei allem Übel positiv in die Zukunft zu blicken, fürderhin den nächsten Gegner einfach entwaffnend anzugrinsen. Oder?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 4. 2002)




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