Menschenmaterial

Santiago Sierra arbeitet mit Menschen, wie andere mit Farbe oder Video.


"Voraussetzung für die Benutzung von Individuen ist ihr reichliches Vorhandensein und ihre Verfügbarkeit auf dem Markt - ich setze sie ein wie jedes andere Material", erläutert Santiago Sierra seinen Umgang mit Menschen als Bestandteil seiner Arbeiten. Tatsächlich stehen die gegenständlichen Arrangements des Künstlers und seine performativen Aktionen einander nur scheinbar widersprüchlich gegenüber - gemeinsam ist ihnen die konzeptionell bestimmte Arbeitsweise des Künstlers.

160cm lange Linie auf die Haut von vier bezahlten Personen tätowiert, Dezember 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra
160cm lange Linie auf die Haut von vier bezahlten Personen tätowiert, Dezember 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra

Kunst als arbeitsteiliger Prozess

Konsequent ist es, wenn der Künstler etwa die Auswahl der Akteure delegiert und in die Aktion selber nicht immer direkt involviert ist - so wenig wie üblicherweise Arbeitgeber am konkreten Arbeitsprozess interessiert sind. Doch während diese üblicherweise dafür Lohn bezahlen, dass Mehrwert produziert wird, bekommen Sierras stets existenziell bedrohten Schichten entstammenden Akteure von ihm Geld dafür, dass sie mit ihrem Körper ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen und diese offenbar sinnlos verschwendet wird.

Ausbeutung als Statement

Ihre Entlohnung ist dabei am ortsüblichen Minimalentgelt orientiert - zwei Prostituierte, die sich in einem öffentlich unzugänglichen Raum an einen Holzblock fesseln ließen, wurden mit 5.000 Peseten pro Stunde bezahlt, was dem Preis ihrer sexuellen Dienstleistungen entsprach. Zwei Junkies in Puerto Rico, die sich gemeinsam eine Linie quer über den Hinterkopf rasieren ließen, bekamen einen Schuss Heroin, und einige tschetschenische Flüchtlinge, die in Berlin unter Pappkartons in einem Ausstellungsraum saßen, mussten insgeheim bezahlt werden, weil die deutsche Gesetzgebung für Asylanten ihnen keinen Zuverdienst erlaubte.

Eine 10-inch-Linie einrasiert in die Haare zweier Junkies, bezahlt mit einem Schuss Heroin, Oktober 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra
Eine 10-inch-Linie einrasiert in die Haare zweier Junkies, bezahlt mit einem Schuss Heroin, Oktober 2000 / ©Bild: Galerie Peter Kilchmann, Santiago Sierra

Dialektik der Aufhebung

Solche Arbeiten produzieren nichts, nicht einmal ein verkäufliches Kunstwerk. Sie berühren jedoch sehr genau die Bedingungen, unter denen gegenwärtig produziert und konsumiert wird. In der Natur der Sache liegt, dass weder der aus Spanien stammende und in Mexiko lebende Künstler und die Betrachter noch die Akteure sich diesen Bedingungen entziehen können. Schon deswegen vermeidet Sierra Schuldzuweisungen ebenso wie die Position des über den Dingen stehenden Künstlers. Seine Arbeiten regen allerdings an, sich mit diesen globalen Produktionsverhältnissen zu befassen - und zu fragen, ob ihnen nicht generell jener Zynismus innewohnt, der Sierras Arbeiten gelegentlich attestiert wird.

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