| Menschenmaterial | |
|
Santiago Sierra arbeitet mit Menschen, wie andere mit Farbe oder Video. |
"Voraussetzung für die Benutzung von
Individuen ist ihr reichliches Vorhandensein und ihre Verfügbarkeit auf
dem Markt - ich setze sie ein wie jedes andere Material", erläutert
Santiago Sierra seinen Umgang mit Menschen als Bestandteil seiner
Arbeiten. Tatsächlich stehen die gegenständlichen Arrangements des
Künstlers und seine performativen Aktionen einander nur scheinbar
widersprüchlich gegenüber - gemeinsam ist ihnen die konzeptionell
bestimmte Arbeitsweise des Künstlers.
Kunst als arbeitsteiliger Prozess Konsequent ist es, wenn der Künstler etwa die Auswahl der Akteure
delegiert und in die Aktion selber nicht immer direkt involviert ist - so
wenig wie üblicherweise Arbeitgeber am konkreten Arbeitsprozess
interessiert sind. Doch während diese üblicherweise dafür Lohn bezahlen,
dass Mehrwert produziert wird, bekommen Sierras stets existenziell
bedrohten Schichten entstammenden Akteure von ihm Geld dafür, dass sie mit
ihrem Körper ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen und diese offenbar
sinnlos verschwendet wird. Ausbeutung als Statement Ihre Entlohnung ist dabei am ortsüblichen Minimalentgelt orientiert -
zwei Prostituierte, die sich in einem öffentlich unzugänglichen Raum an
einen Holzblock fesseln ließen, wurden mit 5.000 Peseten pro Stunde
bezahlt, was dem Preis ihrer sexuellen Dienstleistungen entsprach. Zwei
Junkies in Puerto Rico, die sich gemeinsam eine Linie quer über den
Hinterkopf rasieren ließen, bekamen einen Schuss Heroin, und einige
tschetschenische Flüchtlinge, die in Berlin unter Pappkartons in einem
Ausstellungsraum saßen, mussten insgeheim bezahlt werden, weil die
deutsche Gesetzgebung für Asylanten ihnen keinen Zuverdienst erlaubte.
Dialektik der Aufhebung Solche Arbeiten produzieren nichts, nicht einmal ein verkäufliches
Kunstwerk. Sie berühren jedoch sehr genau die Bedingungen, unter denen
gegenwärtig produziert und konsumiert wird. In der Natur der Sache liegt,
dass weder der aus Spanien stammende und in Mexiko lebende Künstler und
die Betrachter noch die Akteure sich diesen Bedingungen entziehen können.
Schon deswegen vermeidet Sierra Schuldzuweisungen ebenso wie die Position
des über den Dingen stehenden Künstlers. Seine Arbeiten regen allerdings
an, sich mit diesen globalen Produktionsverhältnissen zu befassen - und zu
fragen, ob ihnen nicht generell jener Zynismus innewohnt, der Sierras
Arbeiten gelegentlich attestiert wird.
| ||||||