Salzburger Nachrichten am 30. November 2005 - Bereich: Kultur
Farbe in Johannesburg

Nach der Apartheid

Sie sitzt unter einem "Camel"-Sonnenschirm an einer Hauptverkehrsstraße in Johannesburg und wartet darauf, Bauarbeitern Essen und Getränke verkaufen zu können. Mit der von hinten aufgenommenen dunkelhäutigen Frau zeigt der 74-jährige Fotograf David Goldblatt eine Momentaufnahme aus Südafrika, das die Apartheit zwar überwunden, aber noch nicht alle Wunden aus der Vergangenheit geheilt hat. Der langjährige Fotochronist Südafrikas stellt derzeit bei "Camera Austria" im Grazer Kunsthaus aus. Titel der Ausstellung, die - für Goldblatts künstlerisches Schaffen ungewöhnlich - digitale Prints von analogen Farbfotos präsentiert: "Intersections."

Verzicht auf Dramatik

Für Magazine und Zeitschriften hat Goldblatt immer schon in Farbe gearbeitet, seine Kunst war schwarz-weiß. "Farbe wäre zu geschmäcklerisch, zu glamourös gewesen", erklärt der in Johannesburg lebende Künstler. Die Kontinuität in den neuen, zwischen 2000 und 2004 entstandenen Aufnahmen liegt in einem panoramaartigen Blick, der gänzlich auf formale Dramatik verzichtet. Der Künstler, der das gesellschaftspolitische Leben in seiner Heimat seit 45 Jahren in Bildern festhält, zeigt etwa in seiner Serie über Denkmäler die sichtbar gewordenen Veränderungen auf: Neu errichtete Gedenksteine erinnern an farbige Widerstandskämpfer, an die Opfer der Apartheid.

Workingman's Death

Die Rückeroberung der Städte durch schwarze Billiglohndienstleister ist für Goldblatt ebenfalls ein Symbol der Veränderung: "Heute ist Johannesburg vielleicht zum ersten Mal eine wirklich afrikanische Stadt." Menschenleer hingegen sind die Aufnahmen der riesigen Asbestminen, wo Arbeiter einst ausgebeutet wurden. Viele der ehemals Werktätigen sind bereits an Krebs gestorben oder erkrankt: Workingman's Death. Todeszeichen der Neuzeit sind die im urbanen Gebiet allgegenwärtigen Symbole der Krankheit Aids. Die HIV-Infektionsrate in Südafrika zählt weltweit zu den höchsten.

Relikte der Unterdrückung

Über den Computer steuert David Goldblatt die Intensität von Bildteilen, verändert die Zeichnung und Farbe stets mit dem Ziel, dass vordergründige Effekte nicht den Inhalt überdecken. Nicht wenige Fotos des Künstlers sind "Suchbilder", deren Botschaften - etwa Zäune als Symbol für Grundbesitz oder Architektur als steinerne Relikte der Unterdrückung - durch langes Hinsehen dechiffriert werden wollen. (Bis 26. 2.) m.b.