Mit langem weißen Bart wirkt der perfekt
gekleidete Markus Lüpertz, Jahrgang 1941, wie ein Philosoph. Seine Malerei
vereint diese Attitüde mit Poesie: Die Antike scheint hier zurückzukehren,
doch auch eine barocke Schwere, angeregt von der Moduslehre des Nicolas
Poussin. Diese Musiktheorie liebt er mehr als die gemischte Beliebigkeit
der Postmoderne.
Nach dem Vorbild der Renaissance ist er ganz Künstlerfürst und
genialer, nahezu Gott ähnlicher Schöpfer, zudem Sportler und Dandy. Bleibt
am Ende noch ein angesehener bürgerlicher Beruf: Lüpertz ist schon längere
Zeit Rektor der Akademie in Düsseldorf.
Ehedem in den Sechzigerjahren waren er, Georg Baselitz und Jörg
Immendorf die großen Aufrührer: als alle im Gegensatz zum "sozialistischen
Realismus" abstrakt malten und die deutsche Vergangenheit kein Bildthema
war, traten sie als Figuren- und Landschaftsmaler auf. Auf den Leinwänden
zeigten sich mit großer Geste gemalte Stahlhelme, Kornähren, Soldaten oder
Geweihe – alles penetrant "deutsche Motive". Baselitz und die Berliner
Galerie Werner & Katz wurden 1964 zwar nicht wegen Wiederbetätigung,
aber "unzüchtiger Darstellung in zwei Fällen" verurteilt; Lüpertz wird
noch bis heute von Michael Werner vertreten.
Der Malerfürst, der Genie als Rolle versteht, wünschte sich hier in
Wien keine chronologische Hängung seiner Bildzyklen, sondern manchmal
harte Konfrontationen – auch mit den zahlreichen Skulpturen und
Zeichnungen. Da 1994 im Modernen Museum (damals im Palais Liechtenstein)
viele seiner frühen Tafelbilder aus der "dithyrambischen" Phase zu sehen
waren, sind diese schwebenden Gebilde, die um eine Sprachform der Gesänge
für Dionysos kreisen, mit nur einem Beispiel zu sehen.
Doch die berühmten Stahlhelme auf dunklen Hügeln oder die kalten
Ornamentmuster der Seerosen nach Monet sind neben eine Gruppe
"Vesperbilder" gereiht, die einen ganzen Saal in die Stimmung von
Birkenwäldern taucht. Diese kombinatorischen Paradiese verbinden
abstraktes Gitterwerk und Birkenstämme, die an die Ästhetik im
Nationalsozialismus sowie Kitsch und Gustav Klimt gleichzeitig erinnern:
Fertig ist die Verwirrung aller Kunstexperten.
Starke Pratze des ehemals Wilden
Provokant sind auch die Skulpturen, die in Wien erstmals gezeigt
werden: die "Daphne"-Serie schließt sich den teils nächtlichen antiken
Landschafts-Idyllen an, wie auch einige Aquarelle und Kreidezeichnungen.
Die großen, bunten Mozartfiguren fehlen natürlich in diesem Jahr weder
hier noch in Salzburg. Fast unbekannt und virtuos sind die früheren
surrealistischen, ebenso bemalten Skulpturen.
Premiere auch für die Malerei der letzten Jahre: zum einen die Serie
nach dem Deutschrömer Hans von Marées, zum anderen männliche Rückenakte,
die wie die Skulpturen mit Disproportionen – kurzen Beinen oder dünnen
Ärmchen – spielen. Die starke Pratze des ehemals Wilden bleibt spürbar –
man muss seine Werke nicht alle mögen, es fällt aber schwer, sich der
handwerklichen Qualität zu entziehen.
Markus Lüpertz
BA-CA-Kunstforum
Freyung 8, 1010 Wien
Kuratoren: Ingried Brugger,
Florian Steininger
Sa-Do 10 bis 19 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr
http://www.ba-ca-kunstforum.at/
Bis 5. November
Vollmundig.
Mittwoch, 06. September
2006