Kultur

Wenn Polizisten zu heftig knutschen

27.11.2007 | SN
Schande für Russland? Zensur? - Kulturminister attackiert Künstler und Galeristen ULF MAUDER

Ulf Mauder MOSKAU (SN, dpa). Mit knutschenden Polizisten im Winterwald sorgt die sibirische Künstlergruppe "Blue Noses" für Aufsehen. Fundamentalisten der Kirche und Rechtsextreme verwüsteten in Moskau schon Ausstellungen der Künstler. "Schande für Russland" und "Pornografie" sagt Kulturminister Alexander Sokolow über die Arbeiten.

Sein Zorn trifft nicht zuletzt die weltberühmte staatliche Tretjakow-Galerie in Moskau, die auch solche Kunst präsentiert. Das Kunstmuseum wehrt sich erstmals öffentlich gegen eine von der Kunstszene beklagte zunehmende Einmischung des Staats in die Kunstfreiheit.

"Hier wird die Tretjakow-Galerie in den Dreck gezogen. Ich fordere eine öffentliche Entschuldigung", sagt Museumsdirektor Walentin Rodionow. Sein neben der Ermitage in St. Petersburg wichtigstes Kunstmuseum in Russland schickte im Oktober die Sonderschau "Sots Art" über politische Kunst aus Russland nach Paris. Doch die Fotocollagen der Künstler Wladislaw Misin und Alexander Schaburow von den "Blue Noses" durften nicht außer Landes - wie schon im Frühjahr für eine Ausstellung in Dresden.

Der Leiter der Abteilung für moderne Kunst der Tretjakow, Andrej Jerofejew, warnt vor Zensur und Selbstzensur wie zu Sowjetzeiten. "Das Verhalten des Ministers erinnert stark an die sowjetische Zensurpraxis, die ja eigentlich abgeschafft ist, jetzt laufen diese Prozesse eher unterschwellig ab", sagte Jerofejew am Montag. Er beklagt einen wachsenden Einfluss von nationalistischen bis rechtsextremen sowie religiös-fanatischen Ansichten auf die Kulturpolitik des Staats.

"Ich bekomme Drohbriefe und Klagen an den Hals, die mir wirklich Angst machen", sagt Jerofejew, der gegen den Protest der Kirche heuer die Ausstellung "Verbotene Kunst" im Moskauer Sacharow-Menschenrechtszentrum zeigte.

"Es ist eine Blamage für unser Land, wenn Beamte festlegen wollen, was Kunst ist; die Künstler, um die es geht, genießen bereits internationales Ansehen", kritisiert Expertin Aidan Salachowa von der Russischen Akademie der Künste. "Natürlich maßt sich die Regierung keine Expertenmeinung an, sie wird doch aber wohl noch eine Bewertung abgeben dürfen", sagt Sokolow. Bei einer privaten Initiative sei das etwas anderes. Russland zeige mit offiziellen Ausstellungen wie derzeit in Paris der Welt sein Gesicht, da sei "politische Provokation" fehl am Platz.

Kein Experte, aber ein Bewerter Viele der Fotocollagen zeigen nackte Menschen in sexuellen Posen - mit aufgeklebten Gesichtern von Prominenten. Die Aufnahme der küssenden Polizisten (Titel: "Die Epoche der Nachsicht") ist durch den Skandal in Moskau zu einem der bekanntesten Kunstwerke geworden. Es gehe hier um den Traum, dass alle gnädig und zärtlich miteinander umgingen, erklärt der Künstler Schaburow.

"Für den Wert eines Künstlers sind Öffentlichkeit und Marketing heute wichtiger denn je - da hätte der russische Minister nichts Besseres tun können", sagt der Berliner Galerist Volker Diehl, der die "Blue Noses" betreut. Er führte die umstrittenen Kunstfotografien unlängst auf einer CD aus Russland aus, ließ sie ausdrucken und zeigt sie noch bis 15. Dezember in seiner Galerie. Den Titel für seine Ausstellung lieh er sich vom Kulturminister: "Schande für Russland."

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