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Gerald Matt: "Diese Kampagne widert mich an!"

01.09.2010 | 19:29 | BARBARA PETSCH (Die Presse)

Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, über die Wiener-Blut-Plakate der FPÖ und andere politische Zumutungen. Ausstellungen widmen sich Träumen des Menschen. "Kunst ist nicht der Sklave der Tagespolitik."

„Die Presse“: Karola Kraus folgt im Oktober Edelbert Köb in der Direktion des Museums moderner Kunst (Mumok). Wie wird sich das auswirken für die benachbarte Kunsthalle im MQ? Wird es einen Kampf geben – oder wieder neue Debatten um eine Übersiedlung der Kunsthalle ins Künstlerhaus, auf, dass sich das Mumok ausbreiten kann?

Gerald Matt: Die Kunsthalle hat ihren Platz im MQ, sie ist die zeitgenössische Vitaminspritze für das ganze Areal. Mit dem Künstlerhaus gibt es keine Gespräche, es ist schlichtweg zu klein.

 

Das Künstlerhaus hat jüngst beachtliche Ausbaupläne vorgelegt.

Matt: Reine Megalomanie, eine sommerliche Fata Morgana. Für Architektur gibt es eine Faustregel, wenn man was baut, muss man wissen, für wen und wofür. Alles andere ist in der Folge teuer und meist unbrauchbar. Wir können und wollen die Probleme des Künstlerhauses zwischen Renovierung und künftiger Identität nicht lösen. Die Künstlerschaft muss die mittlerweile historisch überholte und unfinanzierbare Zwitterrolle von Großausstellungshaus und Kunstverein überdenken. Die Museen haben heute selbst ihre großen Ausstellungsflächen und brauchen keine Ausweichquartiere mehr.

 

Das Museum moderner Kunst braucht mehr Platz. Warum arbeiten Mumok und Kunsthalle nicht einfach öfter zusammen?

Matt: Das Modell des MQ basiert auf Kooperation und Konkurrenz, einer guten Mischung. Wir haben mit dem Mumok schon bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet und werden das auch bei Karola Kraus so halten. Ihr starkes Interesse für die jüngere Kunstgeschichte von Fluxus bis Minimalismus macht die Abgrenzung zur Kunsthalle vielleicht noch klarer als bisher.

Welche Themenschwerpunkte planen Sie?

Matt: Im Herbst zeigen wir die Ausstellung „Power up. Female Pop Art“. Da geht es um fantastische Künstlerinnen, und die waren vielfach wesentlich politischer als die Männer, ob das ihr Engagement gegen den Vietnam-Krieg oder feministische Positionen gegen männliche Übermacht waren. Dabei gibt es spannende Entdeckungen wie die Klosterschwester Sister Corita Kent mit ihren großartigen Postern, aber auch Kiki Kogelnik, die weit unterschätzt ist und die man international wieder mehr ins Spiel bringen muss. Das Motto für 2011 sind die großen und kleinen Träume des Menschen. Künstlerisch finde ich, liegt ein Comeback des Surrealen ja förmlich in der Luft. Wir konfrontieren Topkünstler wie Louise Bourgeois oder Glenn Brown mit Salvador Dalí und entdecken den wunderbar absurd-fantastischen Jan Svankmajer.

Was halten Sie von Straches Wiener-Blut-Plakaten? Sollte eine Kunsthalle nicht reagieren auf Politik, wie Sie das früher getan haben?

Matt: Kunst ist nicht der Sklave der Tagespolitik, aber Kunst hat sich immer auch als Advokat gegen Borniertheit, Infamie und Vorurteile verstanden. Ich sehe die Kunsthalle als Ort der Debatte, als einen, im Sinne Foucaults, heterotopischen Ort, an dem die Wirklichkeit nicht nur repräsentiert, sondern auch irritiert, bestritten und verändert wird. KanakAttak, türkische Flaggen auf der Kunsthalle oder die Ausstellung zum Schleier waren Themen, die den Menschen unter den Fingernägeln brennen, Zeichen gegen Intoleranz und Rassismus. Und das werden wir auch weiter so halten.

Was sagt es über eine Stadt aus, dass man mit solchen Sprüchen auf Stimmenfang gehen kann? In New York wäre das undenkbar.

Matt: Über eine Stadt sagt das überhaupt nichts aus. Es sagt einzig und allein etwas aus über Herrn Strache, der offenkundig verzweifelt von seinen mangelnden Erfolgen ablenken will. Das ist kein Operettenrassismus, das ist ein mieses, zynisches und brandgefährliches Spiel mit dem Feuer. Das widert mich an. Die ganze Hassstrategie der FPÖ passt ins Bild einer Partei, die in den letzten Jahren nichts anderes getan hat, als zeitgenössische Kunst und Künstler von der Wiener Gruppe bis hin zu Hermann Nitsch, auf die Österreich stolz sein kann, zu diskreditieren und herabzuwürdigen.

Man hört immer von einem neuen Museums-und Ausstellungsboom. Glauben Sie daran?

Matt: Von einem allgemeinen Boom zu sprechen wäre wahrscheinlich zu undifferenziert. Das stete Ansteigen der Besucherzahlen seit den 70er-Jahren hat seinen Höhepunkt überschritten. Da gibt es in der Krise auch Stagnationstendenzen. Doch mit guter Kunst, guten Ideen kann man immer noch punkten. Mittlerweile hat Wien für eine Stadt dieser Größe ein tolles Museums- und Ausstellungsprogramm; da sind wir mit den großen Weltstädten wie London, Paris oder New York auf Augenhöhe. Die zeitgenössische Kunst ist kein Minderheitenprogramm mehr, auch wenn dies der FPÖ nicht passen mag. Wir hatten heuer einen richtigen Sommerboom; Samstag, Sonntag bei Hitze 1500– vor allem junge – Leute. Das ist für aktuelle Kunst sensationell. Museen und Ausstellungen sind ein Teil der Sinnstiftung geworden. Früher sind die Menschen am Wochenende in die Kirche gegangen, jetzt gehen sie ins Museum.

Staatssekretärin Christine Marek, Obfrau der Wiener ÖVP, hat in einem „Krone“-Interview die Kultur indirekt als „Pipifax“-Ressort bezeichnet, in dem man nur durchwinken kann, was die SPÖ beschlossen hat, weswegen die Kunst ein unattraktives Ressort im Falle einer Koalition in Wien wäre. Vom politischen Standpunkt ein durchaus treffender Befund, oder?

Matt: Ich finde das ist eine Unverschämtheit. Wer die Kultur als Pipifax-Ressort bezeichnet, sollte lieber die Finger davon lassen. Da sind wir froh, wenn wir von solchen Politikern und Positionen verschont bleiben.


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