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Sonja Gangl: Endeffekt

07.10.2010 | 17:35 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Filmstills, Magazinfotos, Lifestyleprodukte – Sonja Gangl untersucht jene Bilder, die sich gern wie aus dem Nichts in unser Bewusstsein schieben.

Ein altes Zinshaus im dritten Bezirk. Großes Eingangstor, begrünter Hinterhof, steinerne Stiegen. Kein glamouröses Setting, keine schicke Gegend. Beim Hochsteigen der Treppe zu Sonja Gangls Atelier lässt einen das Gefühl nicht los, eine Schleuse zu passieren. Da ist im Kopf der dunkle Klang des Namens „Rebeka“ – eines fiktiven Firmenlabels rund um Mode, Lifestyle, Design und Konsumbegehren, das die Künstlerin fast zehn Jahre lang betrieben hat. Dann gibt es da das Bild duftenden bernsteinfarbenen Honigs, der – eingepackt in ein versiegeltes Einmachglas mit Goldaufdruck und -gravur – in wenigen Tagen ausgewählten Kunstsammlern, Galeristen, Kunsthändlern und Museumsleuten anlässlich des renommierten „OscArt“-Kunstpreises als Trophäe ausgehändigt und parallel auch als limitierte Edition aufgelegt werden wird. Da sind die Erinnerungen an viele letzte Minuten im Kino, in denen man nicht aufstehen wollte, um stattdessen noch begierig den Nachspann aufzusaugen und so das Wiedereintauchen in die Realität tunlichst hinauszuschieben, denen Sonja Gangl mit einer anderen obsessiven Schiene ihres Werks ein Denkmal gesetzt hat.

Gedächtnis, Erinnerung, Verlockungen, Sehnsucht,
Begehren – das sind die großen Themen im Werk Sonja Gangls. Die Ausleuchtung der hinteren Winkel der Seele ist dabei Programm. Die arbeitet sie in Zeichnungen wie in konzeptuellen Arbeiten durch. Immer wieder schwingen dabei Anflüge von Melancholie mit, sei es, weil eine Bildvorlage einen schmachtenden Hollywood-Schinken anklingen lässt, sei es, weil ein Stück einschlägige Welt-literatur zitiert wird, ein Sonett von Shakespeare etwa, verteilt auf die zerbrechlichen Glieder einer Kette, oder ein Gedicht von Emily Dickinson, das im Betrachter sentimentale Gefühle auslöst – oder weil einem Thema wie „Ende“ die Wehmut einfach eingeschrieben ist.

Und immer wieder das Kino. Das Atelier selbst ist hell erleuchtet. Schon im Vorraum trifft der Besucher unvermittelt auf eine mehrteilige Wandarbeit, die mit ihren an eine Kinoleinwand angelehnten Proportionen in eindrucksvoller Vergrößerung einen blauen Schriftzug auf weißem Grund zitiert: „Je t’embrasse. Adieu!“ „Ich umarme dich, Adieu!“ – Worte des Abschieds und der Trennung, die eine unbekannte Filmszene zitieren. Gleichmäßiges weißes Licht durchflutet auch die drei durch offene Türen miteinander verbundenen Atelierräume, die jeder auf eigene Weise von einer präzisen Arbeiterin erzählen. Sparsam postierte Kunstwerke und einige wenige ebenso funktionale wie sorgsam ausgesuchte Möbelstücke, vom mächtigen Stahlregal über ein paar Arbeitstische bis hin zu einem Exemplar des Eame’schen Lounge Chair halten sich darin die Waage.

Jeder der Räume steht im Zeichen eines anderen Arbeitsvorgangs. Die mächtige Workstation im ersten Studio gemahnt fast an einen Kommandostand. Ein anderer Raum ist dem Hantieren und Präsentieren der Großformate vorbehalten. Und im Mittelraum verweisen ein aufgeklappter Zeichentisch und diverse grafische Utensilien von der elektrischen Spitzmaschine bis hin zu einer umfangreichen Batterie an Bunt- und Graphitstiften auf den zentralen Stellenwert, den die Zeichnung in Sonja Gangls Schaffen einnimmt. Dazwischen finden sich in sorgfältiger Hängung Zeichnungen, Schriftbilder, ein mundgeblasenes Glasobjekt in einer Vitrine, das vom letzten Atemzug erzählt, eine Spiegelinstallation.

„Mein Ansatz ist im Grunde ein konzeptueller“, sagt sie. „Deswegen schließt sich für mich das Zeichnen immer auch mit dem Schreiben kurz.“ Und tatsächlich könnte man – so systematisch, wie sie jeder Werkgruppe ihre eigene Technik zuweist – das Schraffieren und Ausarbeiten der oft recht großen Flächen durchaus auch als handwerkliches Pendant zur Schriftlastigkeit ihres Werks deuten. Da gibt es etwa ein sechsteiliges Graphitbild, das auf jeder einzelnen Tafel mittig in Weiß das Wort „Ende“ zitiert: Geschrieben auf Arabisch, Ungarisch, Russisch, Portugiesisch, Chinesisch und Hindi verweist es auf unterschiedliche filmische Traditionen jenseits von Hollywood. Die Arbeit, die in ihrer minimalistischen Klarheit leisen Bezug nimmt auf die Datumsbilder des Japaners On Kawara – Gangl: „Ich mag das, ich bin selbst ja auch eher der ruhige Typ“ –, führt ihrerseits die mittlerweile auf weit über 100 Blätter sowohl im kleinen als auch im großen Format angewachsene Serie der gezeichneten Filmstills weiter.

Die Vorlagen dafür entnimmt sie einem 1991 begonnenen Archiv, in dem sie ausschließlich Schlussszenen sammelt. „Mit einem Seitenverhältnis von 4:3 oder 16:9 sind diese Zeichnungen im Format alle an Cinemascope angelehnt“, sagt sie. Die Konzentration auf das jeweilige Filmende entspricht dabei der maximalen Reduktion.
Eine ähnliche Frage verfolgt Gangl auch mit dem parallel dazu entstandenen Werkblock „Letterboxing“. Angelehnt an das Bild des Briefkastenschlitzes werden
Magazinfotografien bis auf einen winzigen Streifen im Cinemascopeformat mit schwarz gezeichneten Balken abgedeckt: „Wie weit lässt sich die Information eines Bildes – im konkreten Fall die Ästhetik pornografischen Materials – auf ein Minimum reduzieren?“

Momente der Erinnerung. Warum Sonja Gangl
eigentlich immer wieder auf gefundenes Film- und Fotomaterial zurückgreift? „Für mich sind die Momente der Erinnerung und des Gedächtnisses wichtig. Es geht um gespeicherte Bilder im Kopf, die sich manchmal wie aus dem Nichts ins Bewusstsein schieben. Es ist mir dabei egal, welche Filme ich zitiere. Vielmehr interessiert mich, ob und wie sehr diese Bilder unser Denken und Handeln bestimmen.“ Auf diese Untersuchung zielt ihr ganzes Werk ab. Abgestützt auf Bilder schlägt sie darin in einer Gratwanderung zwischen Poesie und Intellektualität immer wieder Erinnerungen an, kognitive ebenso wie emotionale, banale, alltägliche. Mit bisweilen minimalen Mitteln gelingt es ihr auf diese Weise im Idealfall, ein Maximum an Assoziationen und Bedeutungen freizusetzen.


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