Ein
altes Zinshaus im dritten Bezirk. Großes Eingangstor, begrünter
Hinterhof, steinerne Stiegen. Kein glamouröses Setting, keine schicke
Gegend. Beim Hochsteigen der Treppe zu Sonja Gangls Atelier lässt einen
das Gefühl nicht los, eine Schleuse zu passieren. Da ist im Kopf der
dunkle Klang des Namens „Rebeka“ – eines fiktiven Firmenlabels rund um
Mode, Lifestyle, Design und Konsumbegehren, das die Künstlerin fast
zehn Jahre lang betrieben hat. Dann gibt es da das Bild duftenden
bernsteinfarbenen Honigs, der – eingepackt in ein versiegeltes
Einmachglas mit Goldaufdruck und -gravur – in wenigen Tagen
ausgewählten Kunstsammlern, Galeristen, Kunsthändlern und Museumsleuten
anlässlich des renommierten „OscArt“-Kunstpreises als Trophäe
ausgehändigt und parallel auch als limitierte Edition aufgelegt werden
wird. Da sind die Erinnerungen an viele letzte Minuten im Kino, in
denen man nicht aufstehen wollte, um stattdessen noch begierig den
Nachspann aufzusaugen und so das Wiedereintauchen in die Realität
tunlichst hinauszuschieben, denen Sonja Gangl mit einer anderen
obsessiven Schiene ihres Werks ein Denkmal gesetzt hat.
Gedächtnis, Erinnerung, Verlockungen, Sehnsucht,
Begehren
– das sind die großen Themen im Werk Sonja Gangls. Die Ausleuchtung der
hinteren Winkel der Seele ist dabei Programm. Die arbeitet sie in
Zeichnungen wie in konzeptuellen Arbeiten durch. Immer wieder schwingen
dabei Anflüge von Melancholie mit, sei es, weil eine Bildvorlage einen
schmachtenden Hollywood-Schinken anklingen lässt, sei es, weil ein
Stück einschlägige Welt-literatur zitiert wird, ein Sonett von
Shakespeare etwa, verteilt auf die zerbrechlichen Glieder einer Kette,
oder ein Gedicht von Emily Dickinson, das im Betrachter sentimentale
Gefühle auslöst – oder weil einem Thema wie „Ende“ die Wehmut einfach
eingeschrieben ist.
Und immer wieder das Kino.
Das Atelier selbst ist hell erleuchtet. Schon im Vorraum trifft der
Besucher unvermittelt auf eine mehrteilige Wandarbeit, die mit ihren an
eine Kinoleinwand angelehnten Proportionen in eindrucksvoller
Vergrößerung einen blauen Schriftzug auf weißem Grund zitiert: „Je
t’embrasse. Adieu!“ „Ich umarme dich, Adieu!“ – Worte des Abschieds und
der Trennung, die eine unbekannte Filmszene zitieren. Gleichmäßiges
weißes Licht durchflutet auch die drei durch offene Türen miteinander
verbundenen Atelierräume, die jeder auf eigene Weise von einer präzisen
Arbeiterin erzählen. Sparsam postierte Kunstwerke und einige wenige
ebenso funktionale wie sorgsam ausgesuchte Möbelstücke, vom mächtigen
Stahlregal über ein paar Arbeitstische bis hin zu einem Exemplar des
Eame’schen Lounge Chair halten sich darin die Waage.
Jeder der
Räume steht im Zeichen eines anderen Arbeitsvorgangs. Die mächtige
Workstation im ersten Studio gemahnt fast an einen Kommandostand. Ein
anderer Raum ist dem Hantieren und Präsentieren der Großformate
vorbehalten. Und im Mittelraum verweisen ein aufgeklappter Zeichentisch
und diverse grafische Utensilien von der elektrischen Spitzmaschine bis
hin zu einer umfangreichen Batterie an Bunt- und Graphitstiften auf den
zentralen Stellenwert, den die Zeichnung in Sonja Gangls Schaffen
einnimmt. Dazwischen finden sich in sorgfältiger Hängung Zeichnungen,
Schriftbilder, ein mundgeblasenes Glasobjekt in einer Vitrine, das vom
letzten Atemzug erzählt, eine Spiegelinstallation.
„Mein
Ansatz ist im Grunde ein konzeptueller“, sagt sie. „Deswegen schließt
sich für mich das Zeichnen immer auch mit dem Schreiben kurz.“ Und
tatsächlich könnte man – so systematisch, wie sie jeder Werkgruppe ihre
eigene Technik zuweist – das Schraffieren und Ausarbeiten der oft recht
großen Flächen durchaus auch als handwerkliches Pendant zur
Schriftlastigkeit ihres Werks deuten. Da gibt es etwa ein sechsteiliges
Graphitbild, das auf jeder einzelnen Tafel mittig in Weiß das Wort
„Ende“ zitiert: Geschrieben auf Arabisch, Ungarisch, Russisch,
Portugiesisch, Chinesisch und Hindi verweist es auf unterschiedliche
filmische Traditionen jenseits von Hollywood. Die Arbeit, die in ihrer
minimalistischen Klarheit leisen Bezug nimmt auf die Datumsbilder des
Japaners On Kawara – Gangl: „Ich mag das, ich bin selbst ja auch eher
der ruhige Typ“ –, führt ihrerseits die mittlerweile auf weit über 100
Blätter sowohl im kleinen als auch im großen Format angewachsene Serie
der gezeichneten Filmstills weiter.
Die Vorlagen dafür
entnimmt sie einem 1991 begonnenen Archiv, in dem sie ausschließlich
Schlussszenen sammelt. „Mit einem Seitenverhältnis von 4:3 oder 16:9
sind diese Zeichnungen im Format alle an Cinemascope angelehnt“, sagt
sie. Die Konzentration auf das jeweilige Filmende entspricht dabei der
maximalen Reduktion.
Eine ähnliche Frage verfolgt Gangl auch mit
dem parallel dazu entstandenen Werkblock „Letterboxing“. Angelehnt an
das Bild des Briefkastenschlitzes werden
Magazinfotografien bis
auf einen winzigen Streifen im Cinemascopeformat mit schwarz
gezeichneten Balken abgedeckt: „Wie weit lässt sich die Information
eines Bildes – im konkreten Fall die Ästhetik pornografischen Materials
– auf ein Minimum reduzieren?“
Momente der Erinnerung. Warum Sonja Gangl
eigentlich
immer wieder auf gefundenes Film- und Fotomaterial zurückgreift? „Für
mich sind die Momente der Erinnerung und des Gedächtnisses wichtig. Es
geht um gespeicherte Bilder im Kopf, die sich manchmal wie aus dem
Nichts ins Bewusstsein schieben. Es ist mir dabei egal, welche Filme
ich zitiere. Vielmehr interessiert mich, ob und wie sehr diese Bilder
unser Denken und Handeln bestimmen.“ Auf diese Untersuchung zielt ihr
ganzes Werk ab. Abgestützt auf Bilder schlägt sie darin in einer
Gratwanderung zwischen Poesie und Intellektualität immer wieder
Erinnerungen an, kognitive ebenso wie emotionale, banale, alltägliche.
Mit bisweilen minimalen Mitteln gelingt es ihr auf diese Weise im
Idealfall, ein Maximum an Assoziationen und Bedeutungen freizusetzen.
Artikel drucken