14.06.2003 18:13
Schlingensief will leiser werden
Anerkennung für lebende Säulenheilige - Blickfang und Kuriosität am
Eingang der Biennale - Foto
Venedig - Seine Säulenheiligen sind Blickfang und Kuriosität am
Eingang der diesjährigen Biennale in Venedig.
Christoph Schlingensief
(42) hat sieben junge Menschen aus sieben Ländern dazu angeregt, sich sieben
Tage lang auf meterhohe Pfähle zu setzen - und dort in freiwilliger Askese zu
verharren. Eine italienische Zeitung bezeichnete die Aktion als "Ikone" der 50.
Kunstschau am Canale Grande. "Die gute Resonanz macht mich zwar glücklich, aber
mit Zufriedenheit habe ich so meine Probleme, weil dann doch wieder die
Gegenstimmen kommen", sagt der Berliner Theater-Provokateur im Gespräch mit der
dpa.
"Church of Fear"
Die Idee der Pfahlsitzer, von denen
jeder für sich schutzlos der Umwelt ausgeliefert ist, wurde aus der "Church of
Fear" geboren, einer Gemeinschaft von Menschen, die sich zu ihrer Angst bekennen
und deren Mitglied Schlingensief ist. "Dabei setzt der Mensch wieder auf sich
selbst und schließt sich keiner Masse mehr an. Wir haben ja gesehen, dass
Demonstrationen - etwa gegen Bush - oder sonstige Gemeinschaftsaktionen von
Menschen gar nichts bringen", sagt er. Das Motto der "Kirche der Angst" sei:
"Habt Angst und bekennt Euch zu ihr!" Schlingensief lächelt: "Das System soll
ruhig auch Angst haben, wir behalten jetzt unsere Angst und geben sie nicht mehr
her."
Wohnen am Campingplatz In Venedig wohnt er auf einem
Campingplatz außerhalb der Stadt, kommt morgens bescheiden zu seinen
Säulenheiligen und überreicht jedem ein Blümchen. Die Aktion ist still, keine
von seinen früheren lauten und spektakulären Inszenierungen. "Viele sagen mir:
"Hauen Sie doch mal wieder richtig auf die Pauke!", aber die Zeit ist nun mal
vorbei", sagt Schlingensief. Weil viele in Deutschland das derzeit nicht
verstehen wollten, sei er besonders froh, seine Kunst auch im Ausland zeigen zu
können.
Überraschende Einladung
Zur Biennale sei er völlig
überraschend eingeladen worden: "Da kam plötzlich ein Brief aus Venedig mit der
Anfrage. Ich dachte zuerst, das wäre ein Witz." Als der neue künstlerische
Leiter Francesco Bonami ihn dann noch zu sich berief und ihm mitteilte, seine
Kunstaktion solle den Eingang zum Ausstellungs-Gelände der "Giardini" zieren, da
sei er völlig platt gewesen, schmunzelt Schlingensief, der im nächsten Jahr
Wagners "Parsifal" in Bayreuth inszenieren wird.(APA)