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Stimmungsbericht von der 35. Art
Basel
Art around the clock

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Public
Art Project vor den Messehallen: Elmgreen & Dragset mit
ihrem „Short Cut“ von 2003 |
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Wenn die Art Basel abends um 19 Uhr ihre Pforten
schließt, dann ist noch lange nicht Schluss. Vernissagen, Empfänge,
Apéros und Partys bieten dem aus aller Welt angereisten
Kunstpublikum vielfältige Gelegenheiten, sich untereinander
auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen oder einfach nur zu feiern.
Doch Hauptanziehungspunkt ist natürlich wie in jedem Jahr die Messe
selbst mit 270 Galerien aus allen Kontinenten, die rund 1500
Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts zeigen. Im noblen
Untergeschoss der Messe könnten sich eigentlich Museen eindecken.
Die Klassiker des 20. Jahrhunderts und hochpreisige
Gegenwartskünstler werden hier großzügig präsentiert. Doch da die
Ankaufsetats der meisten öffentlichen Sammlungen mittlerweile auf
ein Minimum geschrumpft sind, bleibt das hochkarätige Angebot
ausgabefreudigen Privatsammlern vorbehalten.
Die Baseler
Galerie Beyeler, in der Schweiz und auf der Art Basel seit
Jahrzehnten eine Institution, zeigt ausgesuchte Werke von Fernand
Léger, Edvard Munch und Jean Miró. Munchs magisch aufgeladene,
stimmungsvolle Landschaften in zurückhaltend gedeckten Farben werden
hier zu Höchstpreisen bis zu 2,4 Millionen US-Dollar angeboten.
Fernand Léger und Jean Miró wiederum sind mit repräsentativen
Arbeiten vertreten, die zudem in heute kaum noch erhältlichen
klassischen Rahmen aus der Entstehungszeit der Bilder angeboten
werden. Und über allem schweben Alexander Calders überaus elegante
Mobiles aus buntlackierten, organisch geformten Metallelementen -
für betuchte Liebhaber der kinetischen Kunst ein absoluter
Leckerbissen bei 150.000 bis 1,4 Millionen US-Dollar.
Der
erste Weg jedoch führt viele Messebesucher geradewegs in die Sektion
der Art Statements im oberen Geschoss. Hier zeigen 17 ausgewählte
Galerien junge Positionen in Einzelpräsentationen. Hier sind Trends
abzulesen, neue Namen werden ins Spiel gebracht und auf den
Kunstmarkt geworfen, und hier orientieren sich auch viele
Ausstellungsmacher mit knappem Zeitbudget gerne zuallererst. Die
37jährige Polin Aleksandra Mir ist eine der beiden diesjährigen
Preisträger des begehrten Bâloise-Kunstpreises. Im Mittelpunkt ihrer
Arbeit steht „The Big Umbrella“ von 2003/04, ein überdimensionierter
Herrenregenschirm in den Maßen 240 x 160 Zentimeter, mit dem sie
sich auf Plätzen, Bahnsteigen und in Fußgängerzonen begeben hat. Mir
präsentiert bei der Galerie Jousse entreprise aus Paris nicht nur
den skulpturalen, aufgeklappten Riesenregenschirm, sondern auch
Fotografien und Aufzeichnungen, die die absurden Begegnungen mit
wildfremden Passanten in verschiedenen Städten
dokumentieren.
Am Art Statements-Stand F8 der Galerie Jan Mot
aus Brüssel reibt man sich zunächst verwundert die Augen. Hier
herrscht absolute Leere. Kein Tisch, kein Stuhl, kein Kunstwerk.
Doch beim Betreten der Koje wird der Besucher plötzlich von einem
freundlichen, aber kryptisch daherredenden Paar angesprochen, in
einen Dialog verwickelt und somit zum Mitspieler einer wiederum für
andere Betrachter erlebbaren, rätselhaften Performance. Der zweite
Bâloise-Preisträger, der in Berlin lebende, 1976 geborene Brite Tino
Sehgal, entzieht sich mit dieser gänzlich nicht-objekthaften,
performativen Intervention jeglichen Marktmechanismen des
Kunstbetriebs.
Ein Trend dieser Messe: Junge polnische,
intelligent gemachte und durchweg figurative und noch preiswerte
Malerei. Doch während, wie man hört, derzeit bereits amerikanische
Sammler durch Polen reisen und nach der Staubsaugermethode
unreflektiert die Ateliers leer kaufen, findet man auf der Messe ein
sorgsam vorgefiltertes, qualitätvolles Angebot. So zeigt die Wiener
Galerie Meyer Kainer bei den Art Statements den 30jährigen Krakauer
Marcin Maciejowski, der kritisch und selbstkritisch die
Entwicklungen und Sackgassen des Kunstbetriebs thematisiert. Streng
konzeptuelle schwarzweiße Porträts nach Jugendaufnahmen von Picasso,
Beuys, Kippenberger und vollkommen unbekannten Künstlern mit
abgebrochenen Karrieren demonstrieren, dass artistisches Heldentum
und glamouröses Scheitern oft nahe beieinander
liegen.
Gewiss, die Art Basel ist ein teures Pflaster, gerade
für Sammler mit knapperem Budget. Im Spezialsektor Art Edition
jedoch ist attraktive Auflagenkunst für Leute mit hohem Anspruch und
kleinerem Geldbeutel zu finden. Die Münchnerin Sabine Knust bietet
aufwändig hergestellte Siebdrucke des gefragten Briten Liam Gillick
an. Seine auf fünf Motiven bestehende Werktagsserie in 20er Auflage
kostet pro Blatt 2.400 Euro und ist als Serie für 9.000 Euro zu
haben. Einen besonderen Namen als exzellenter Drucker und Editeur
hat sich der Kopenhagener Niels Borch Jensen gemacht. Künstler wie
Olafur Eliasson, Thomas Demand oder Carsten Höller schätzen seine
Erfahrung mit aufwändigen Drucktechniken wie der Photogravure, die
lichtecht und haltbar ist wie ein Kupferstich. Eliassons Serie von
seinem doppelhelixförmigen Münchener Treppenhaus, mit dem er eben
den hochdotierten „mfi Preis Kunst am Bau“ erhalten hat, kostet als
3er-Set in 16er Auflage 9.500 Euro. In komplizierter Technik wird
das am Computer in abstrakte Einzelsegmente zerlegte Motiv auf
Büttenpapier gedruckt.
Auf der von Martin Schwander
kuratierten Sonderschau Art Unlimited werden Großinstallationen und
Videoarbeiten in der luftigen Messehalle 1 sowie auf dem
Messevorplatz gezeigt. 66 Künstler aus 25 Ländern von Richard Serra
bis Christoph Büchel sind hier mit wegweisenden Arbeiten vertreten.
Die Galerie Arndt & Partner aus Berlin präsentiert den
umtriebigen Bulgaren Nedko Solakov, Jahrgang 1957, der in einem
abgedunkelten, labyrinthischen Environment den mit
Grubentaschenlampe ausgerüsteten Besucher in eine Traumwelt aus
Wandzeichnungen und humoristischen Kommentaren seiner subjektiven
Befindlichkeit entführt. Seine Arbeit „Dreams (Night)“, 1993-2004,
verbindet kindlich-harmlose Gute-Nacht-Atmosphäre mit
alptraumhaft-bedrohlichen Angstszenarien. Den Preis dazu gibt’s auf
Anfrage.
Die in Berlin lebende 32jährige Südafrikanerin
Candice Breitz dagegen schlüpft in ihrer Videoinstallation
„Becoming“ von 2003 in die Rollen weiblicher Hollywoodikonen wie
Cameron Diaz, Jennifer Lopez und Julia Roberts. In sieben
Zweikanalinstallationen werden Originalfilmausschnitte mit
Schlüsselszenen gängiger Filme der nachgespielten Sequenz der ohne
Maske und Perücke auftretenden Breitz gegenübergestellt. Sie agiert
im schlichten weißen Hemd vor neutralem Hintergrund und entlarvt auf
verblüffende Weise die fragwürdige Schauspielkunst der schönen
Heldinnen und die standardisierten Darstellungsmuster des
Hollywoodkinos. Die Arbeit ging bereits am ersten Messetag in die
renommierte Münchener Sammlung Goetz. Die Galleria Francesca
Kaufmann aus Mailand bietet die restlichen Bänder aus einer 5er
Auflage, zuzüglich zweier Künstlerexemplare, für 45.000 Euro
an.
Das wahre Raststättenfeeling schließlich kommt bei der
Arbeit „Location 5“ des Belgiers Hans op de Beeck auf. Über eine
Treppe betritt man einen monochrom-schwarzen Raum, den er durch
geschickten Einsatz von Endlosspiegeln in ein nächtliches
Autobahnraststätteninterieur verwandelt hat. Der Messebesucher fühlt
sich wie ein übermüdeter Autofahrer, der an kahlen Tischen Platz
nimmt und der einschläfernden Dudelmusik lauscht, die aus den
Thekenlautsprechern ertönt. Der Blick schweift über eine leere, in
die Unendlichkeit weisende Autobahntrasse mit dem landesüblichen,
gelblich-fahlen Laternenlicht, wie man es aus Belgien kennt. Doch
kein Auto, nirgends. Auch nicht bei der Galerie Hufkens aus Brüssel,
zu der der Interessent sich aufmachen und den Preis nachfragen
muss.
Auf dem Messeplatz vor der Halle 1 ist dafür ein weißer
Fiat mit Wohnwagen aus Neapel aus dem Asphalt hervorgebrochen, der
offenbar eine Abkürzung nehmen wollte. Die Asphaltbrocken liegen
noch herum, von den Insassen fehlt jedoch jede Spur. Verantwortlich
für die spektakuläre Arbeit „Short Cut“ aus dem Jahr 2003 ist das
dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset. Sie werden
den unglücklichen Fahrer auch wieder sicher weiterlotsen - in ein
Museum oder eine große Privatsammlung. Vorher schaut er noch bei der
Mailänder Galleria De Carlo vorbei und erfragt den Preis. Wenn
jedoch der Weg zur Messetoilette zu weit sein sollte, kann man
ungestört das verspiegelte Stille Örtchen von Monica Bonvicini
aufsuchen. Die voll funktionale, postminimalistisch-schlichte
Edelstahltoilette „don’t miss a sec“ von 2003, aus der man
unbeobachtet von drinnen nach draußen gucken kann, sorgte bereits am
Eröffnungsabend für Heiterkeit, Verwunderung, Spott und
Benutzerschlangen. Auch hier sind die Unkosten für die ständige
Benutzung der Toilette bei der Galleria Fontana, ebenfalls aus
Mailand, einzuholen.
Abgerundet wird das auch in diesem Jahr
wieder äußerst hochkarätige Art Basel-Rundumsorglos-Paket für
Kunstaficionados durch eine Neuerung: In Kollaboration mit Bulgari
finden jeden Morgen noch vor Öffnung der Messe die mit
Persönlichkeiten wie Catherine David, Yuko Hasegawa oder dem
zukünftigen Documenta-Chef Roger M. Buergel und Sammlern wie
Francesca von Habsburg oder Erika Hoffman prominent besetzten Panels
unter dem Titel Art Conversations statt. Für all diejenigen, die auf
dem Laufenden bleiben wollen, heißt es also auch in diesem Jahr
wieder „Art around the clock“ in Basel. Ausgeruht wird nach der
Messe.
Die 35. Ausgabe der Art Basel läuft noch bis zum 21.
Juni. Geöffnet ist täglich von 11 bis 19 Uhr, am letzten Tag nur bis
18 Uhr. Die Tageskarte kostet 30 Franken, ermäßigt 15 Franken. Die
Dauerkarte liegt bei 55 Franken. Und ab 17 Uhr kann für 10 Franken
eine Abendkarte gelöst werden. Und der wie immer umfangreiche
Katalog ist für 55 Franken zu haben. |
16.06.2004 |
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Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko
Klaas |
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