diepresse.com
zurück | drucken

06.09.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Sehnsucht nach der Dithyrambe
VON ALMUTH SPIEGLER
Markus Lüpertz. Belanglos Neues und grandioses Altes im BA-CA Kunstforum.

E
s ist schwer, an die Malerei von Mar kus Lüpertz zu denken und seine Person dabei zu vergessen. Seinen provokant überheblichen Habitus als selbst ernanntes Genie und als Weltenschöpfer. Als Dandy und Geck in einem, verziert mit Hals- wie Stecktuch, mit fetten Ringen an den Fingern und kleinem silbernen Totenkopf am Stockknauf, den er auf Fotos so gerne kokett neben sich selbst aus dem Bild starren lässt. Memento Mori. Bedenke, dass du sterben musst. Ein klassisches Zitat der Kunstgeschichte.

Wie so vieles bei diesem sich so penibel anachronistisch inszenierenden deutschen Künstler-Urgestein, dessen Jaguar und Maßschuhe für jüngere Generationen den Sündenfall des unangepassten, kritischen Künstler-Selbstverständnisses bedeuten, das in der Nachkriegszeit so harsch erkämpft wurde. Lüpertz, der "Malerfürst", in engem Kontakt mit den Mächtigen wie dem deutschen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der extra nach Wien reiste, um die Ausstellung seines Freundes im BA-CA Kunstforum zu eröffnen. Lüpertz, der Meister der Selbstdarstellung, Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, der blendende Rhetoriker und der Chauvinist, der gesagt haben soll, dass Frauen nicht malen können.

Wozu dieser ganze Personality-Zirkus? Wovon soll eigentlich abgelenkt werden, fragt man sich? Geht es bei Lüpertz doch nur um eines, wie überall versichert wird: um die Malerei an sich, das Malen um des Malens willen, l'art pour l'art, ohne politische oder gesellschaftsverändernde Mission. Man stelle sich vor: Ateliers um Ateliers voll technisch grandioser neoexpressiver Gemälde, bereit zum Transport ins Modernemuseum, um dort bruchlos in Nachfolge zu hängen u. a. von Corot, Courbet, Picasso, Mondrian, Kokoschka, den Brücke-Malern etc.

Die Mäzene der Gegenwart, der zu Geld gekommene bildungsbürgerliche Kunstsammler, werden heute von Lüpertz perfekt bedient: Sowohl mit der genialischen Marke seiner selbst als auch mit Gemälden, deren komplexe Bezugnahmen auf die Kunstgeschichte sich prächtig zur intellektuellen Selbstversicherung eignen. Salonmalerei auf hohem Niveau mit respektablem Stoff zum öffentlichen Sinnieren.

Die hohen Birken-Bilder von 2000 etwa, die einen ganzen Ausstellungsraum füllen: Der Stamm naturalistisch, die Umgebung abstrakt, fast ornamental. Zwei historische Stile, gleichberechtigt nebeneinander. Wie macht man das? Wie kann Fläche, wie Raum suggeriert werden? Oder die neue Serie, in der Lüpertz sich pastos am Topos des männlichen Rückenakts "abarbeitet". "Nach Marées" übrigens. Hans von, Hauptmeister des deutschen Realismus, zweite Hälfte 19. Jahrhundert. Das wäre es, das Wissen, das hier jetzt nonchalant in die Unterhaltung einzuwerfen wäre.

Zynisch? Nein. Auch diese selbstbezügliche Malerei darf heute so geliebt werden, wie Lüpertz es verlangt. Und wird es auch, unangreifbar eingebettet in ein prunkvolles Netz aus Diskurs und Tradition. Mit unserem Leben, unseren Problemen, unseren Sehgewohnheiten im 21. Jahrhundert hat sie nichts zu tun. Genauso wenig wie mit zeitgenössischer Kunst im Wortsinn.

Richtig grob wird einem das in Lüpertz' skulpturalem Werk vor Augen geführt. Wie in einer Trotzreaktion auf die Kritik, die vor einem Jahr über seine Mozart-Statue für Salzburg hereingebrochen ist, lässt der Maler diese seltsame Figurine den ganzen Eingangsbereich der Ausstellung dominieren. Beim Ausgang weiß man aber: Die Glupschaugen, die wulstigen Lippen, der stumpfe Gesichtsausdruck waren nichts Persönliches gegen Mozart - sie treffen nahezu alle Bronzen des Künstlers, ob Judith, Daphne oder Salieri. Sei's drum. Nur eins ist Unverzeihlich: Nach Giacometti können Oberflächen einfach nicht mehr so harmlos geschunden werden, wie es hier passiert.

Dithyrambe. Helm I und II. Seerose. Das sind die monumentalen Bilder der Ausstellung, das ist das Frühwerk von Lüpertz, das mit allem wieder versöhnt. Hier ist er, der Maler, der einzig malt, um im Vergleich zweier nahezu identischer Sujets das System Malerei sichtbar zu machen. Der genialische Ding-Erfinder, der eine Art glühenden Amboss im blitzblauen Himmel schweben lässt. Um allein eins zu zeigen: Dass etwas völlig Neues, ein abstraktes und gleichzeitig gegenständliches Motiv, nur aus dem Alten mit Kraft genährt werden kann, aus den symbolisch auf Nietzsches "Dithyrambe" bezogenen und von den Gesängen des Dionysos abgeleiteten Gottheiten des Zwischenstadiums. Denn Janusköpfe sind wir. Janusköpfe bleiben wir. Und zeitgenössischer geht es nicht.

© diepresse.com | Wien