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Ohne Würze: "Futurismus"-Ausstellung im Wiener Kunstforum

Die Präsentation der von Marinetti gegründeten Bewegung beschränkt sich auf die Kunst zwischen 1909 und 1917/18 und blendet die Politik weitgehend aus.

Wien (APA) - "Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, ein aufheulendes Auto, ist schöner als die Nike von Samothrake." Dieser Satz aus dem am 20. Februar 1909 in der Pariser Zeitung "Le Figaro" veröffentlichten "Futuristischen Manifest" von Filippo Tommaso Marinetti ist wohl einer der berühmtesten der jüngeren Kunstgeschichte. "Mit diesem Manifest gibt es eine richtige Geburtsstunde des Futurismus - ziemlich ungewöhnlich für eine Kunstrichtung", sagt Evelyn Benesch. Sie ist Kuratorin der Ausstellung "Futurismus - Radikale Avantgarde", die ab morgen, Freitag, im Kunstforum auf der Wiener Freyung gezeigt wird und heute Vormittag der Presse präsentiert wurde.

In zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit wurde die Ausstellung entwickelt, die nun rund 200 Exponate von vielen internationalen Leihgebern zeigt. Die Schau spannt einen Bogen von 1909 bis 1917/18, weil sie sich auf die Kunst des Futurismus als "radikale Avantgarde" beschränken möchte. Man könnte freilich auch sagen: Sie hört dort auf, wo es spannend, weil hoch politisch zu werden beginnt. Im Februar 1918 erscheint das "Manifest der futuristischen politischen Partei", in dem sich die Futuristen als revolutionäre Nationalisten definieren. Marinetti, der bereits zur Verbreitung seiner künstlerischen Ideen modernste Propagandamethoden verwendet hatte, wird zum Weggefährten Mussolinis. "Marinetti hat sich vom Faschismus vereinnahmen lassen", sagt Kunstforums-Leiterin Ingried Brugger, "das betrifft aber nicht die ganze Bewegung. Manche Künstler sind nach Frankreich gegangen und haben sich als Antifaschisten engagiert". Davon erfährt man in der Ausstellung freilich ebenso wenig wie von der Kriegsbegeisterung der Futuristen im Ersten Weltkrieg.

Zu sehen ist zunächst einmal einiges an Malerei. Dabei wird deutlich, dass es auch im Futurismus sehr unterschiedliche Ansätze gab, von den geradezu lieblichen Motiven eines Umberto Boccioni ("Das Lachen" und "Modernes Idol" zählen zu den Hauptwerken der Schau) über den Revolutionskitsch eines Luigi Russolo ("Die Revolte") bis zu Gino Severinis geometrischen Formenexperimenten und Giacomo Ballas imposanten Versuchen, Geschwindigkeit auf die Leinwand zu bannen. Von Kraft und Gewalt, Modernität, Lärm und Tempo waren die Futuristen stets angezogen, das zeigen auch die drei ausgestellten "Lärmtöner" - "Knarrer, "Heuler" und "Knisterer" genannte eigentümliche Musikinstrumente, mit denen Russolo Musikfreunde in die Flucht zu schlagen pflegte.

Marinetti selbst ist neben einer Fülle von Schriften, Büchern, Flugzetteln vor allem mit Collagen und Schriftbildern vertreten. Dass die Futuristen sich als umfassende Künstler verstanden und in jeden Lebensbereich eingreifen wollten, wird anhand von Architekturzeichnungen, Kostümentwürfen, Skulpturen, Wandteppichen, Theaterstücken, Kino-Standfotos und Partituren deutlich. Ja, es finden sich sogar "futuristische Mützen", entsprechende Krawattenhalter und auch das "futuristische Gilet" von Marinetti selbst. Sogar über die "Futuristische Küche" hat sich Marinetti Gedanken gemacht: "Originelle Speisen" und "essbare Skulpturen, deren Harmonie aus Form und Farbe das Auge laben", wollte er. So gesehen ist "Futurismus - Radikale Avantgarde" eine Ausstellung, die zwar hübsch anzusehen ist, aber etwas fade schmeckt. Die Würze fehlt.

2003-03-06 13:34:12