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Henri Cartier-Bresson zum 95. Geburtstag/ Von Nadja Traxler-Gerlich
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Das Auge des Jahrhunderts

300 Jahre Wiener Zeitung!Henri Cartier Bresson verabscheut Interviews - ganz besonders anlässlich seines Geburtstages. Der weltberühmte Fotograf hat alles und alle mit seiner Leica eingefangen, er selbst ist allerdings äußerst fotoscheu. Nur wenige Aufnahmen zeigen den Künstler selbst. Einer, dem es gelungen ist, Henri Cartier-Bresson zu fotografieren, ist der ebenfalls weltberühmte Wiener Fotograf Franz Hubmann. Er erkannte Cartier-Bresson bei einem Besuch in der Wiener Secession und machte gleich zwei Aufnahmen von ihm.
Es gibt noch einen anderen Bezug von Cartier-Bresson zu Wien. Mitte der 80er Jahre begann die Freundschaft zwischen ihm und dem Wiener Maler Georg Eisler (1928 bis 1998), Sohn des berühmten Brecht-Komponisten Hans Eisler, der zu dieser Zeit bereits zu den wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten Österreichs zählte.


Henri Cartier-Bresson, der "Jahrhundertfotograf" in mehr als einem Wortsinn, berühmt für den "entscheidenden Augenblick" bei seinen Aufnahmen, begann seine künstlerische Laufbahn als Zeichner und Maler. Auch heute noch gilt seine Liebe der Zeichnung.


Henri Cartier-Bresson, der "Jahrhundertfotograf" in mehr als einem Wortsinn, berühmt für den "entscheidenden Augenblick" bei seinen Aufnahmen, begann seine künstlerische Laufbahn als Zeichner und Maler. Auch heute noch gilt seine Liebe der Zeichnung. Die Begegnung mit dem wesentlich jüngeren Georg Eisler mündete in eine Freundschaft, die von der Liebe zur bildenden Kunst, gegenseitiger Wertschätzung und ähnlichen künstlerischen Vorstellungen getragen wurde. Wie Henri Cartier-Bresson war auch Georg Eisler ein teilnehmender Beobachter und Chronist seiner Zeit, ein bedeutender Porträtist und steter Berichterstatter seiner unmittelbaren und ferneren Umgebungen. Mit einer Ausstellung - übrigens der einzigen in Wien - in der kleinen, feinen Fotogalerie "WestLicht" wurde Cartier-Bresson im heurigen Jahr bedacht und geehrt.
Am 22. August 1908 in Chanteloup als Sohn eines Textilfabrikanten geboren, studierte Henri Cartier-Bresson von 1927 bis 1929 Malerei in Paris. Der kubistische Künstler André Lhote und der Porträtist Jacques Emile Blanche gehörten zu seinen Lehrern. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Cambridge kehrte er 1930 nach Frankreich zurück, um seinen Militärdienst abzuleisten. In dieser Zeit begann er zu fotografieren.
Anschließend ging er als Großwildjäger nach Afrika, erkrankte jedoch an Schwarzwasserfieber. Während seiner Genesung experimentierte er verstärkt mit einer Leica-Kamera. Fotografische Entdeckungsreisen führten ihn danach durch Europa, die Vereinigten Staaten und Mexiko. Seine einzigartige Gabe, das Wesentliche einer Situation in Sekundenbruchteilen zu erfassen, machten ihn bald allgemein bekannt. 1933 fanden in Madrid und New York erste Ausstellungen seiner Arbeiten statt. Jean Renoir, den Cartier-Bresson neben André Lhothe als seinen wichtigsten Lehrmeister bezeichnet, assistierte er bei den Filmen "Une partie de campagne" (1936) und "La régle du jeu" (1939). 1937 drehte Henri Cartier-Bresson seinen ersten eigenen Dokumentarfilm, "La victoire de la vie", über Krankenhäuser im Spanischen Bürgerkrieg.

Im selben Jahr entstand seine berühmte Fotoreportage anlässlich der Krönung von George VI. in London.
Im Zweiten Weltkrieg geriet Henri Cartier-Bresson 1940 in Gefangenschaft. 1943 gelang ihm die Flucht. In Paris schloss er sich der Résistance an und dokumentierte im Untergrund die deutsche Besatzung, die alliierte Invasion und den deutschen Rückzug aus Frankreich.

Im selben Jahr entstand seine berühmte Fotoreportage anlässlich der Krönung von George VI. in London.
Im Zweiten Weltkrieg geriet Henri Cartier-Bresson 1940 in Gefangenschaft. 1943 gelang ihm die Flucht. In Paris schloss er sich der Résistance an und dokumentierte im Untergrund die deutsche Besatzung, die alliierte Invasion und den deutschen Rückzug aus Frankreich. 1945 drehte er im Auftrag des US-Büros für Kriegsinformation seinen erschütternden Film "The Return" über die Rückkehr französischer Kriegsgefangener und Deportierter.
Ein Jahr später gründete Henri Cartier-Bresson gemeinsam mit Robert Capa, Georges Roger und David Seymour die legendäre Fotoagentur "Magnum". In deren Auftrag bereiste er zwei Jahrzehnte lang die Welt und schuf zahlreiche, vielfach ausgezeichnete Fotoreportagen. Und stets interessierte den Meister des Augenblicks dabei nur eines: "Was Menschen denken, ihre Körpersprache, ihre Träume."
Bereits 1966 bei "Magnum" ausgeschieden, beschloss er 1973, "die Wirklichkeit nicht mehr zu bestehlen, sondern ihr etwas zu geben". Er kehrte zu seinen Anfängen zurück und tauschte die Kamera gegen den Pinsel. Seither widmet er sich ganz dem Malen. Ohnehin sei er auch als Fotograf immer Maler geblieben, meint er über sich selbst, ganz nach seiner eigenen Definition: "Die Fotografie ist ein Messerstich, die Malerei eine Meditation."
Mit der Henri-Cartier-Bresson-Foundation in Paris hat sich der Künstler ein Denkmal gesetzt. Sein fotografisches Lebenswerk ist in einem umfassenden Bildband erschienen. Neben der Fülle klassischer Cartier-Bresson-Bilder, die das Buch versammelt, enthält der Band auch seine frühesten Aufnahmen und viele unveröffentlichte Motive. Eine Besonderheit unterscheidet das Werk von allen bisherigen Büchern des Fotografen. War Cartier-Bresson bisher nicht gewillt, die Entstehungsdaten der Aufnahmen zu enthüllen, so gibt er hier erstmals die Jahre an, in denen die Bilder entstanden sind. Er tritt damit vom Anspruch der Zeitlosigkeit zurück in seine reale geschichtliche Lebenszeit. Berührend sind auch die Worte, mit denen frühe Freunde und Bewunderer das Werk Cartier-Bressons würdigen. So etwa Charles de Gaulle, dessen Äußerung "Vous avez 'vu' parce que vous avez 'cru'" ("Sie haben 'gesehen', weil Sie 'geglaubt' haben") eine wunderbare Charakterisierung der fast religiösen Geisteshaltung des Künstlers ist, die die Bilder, die wir bewundern, in dieser Form erst möglich gemacht hat.
Der Herausgeber Robert Delpire, Gründungsdirektor der Henri- Cartier-Bresson-Stiftung in Paris, hat dem Buch ein Motto von Louis René des Fôrets vorangestellt: "All das, was man nur durch Schweigen sagen kann."
Zu den Fotos: Paris 1932, Place de l'Europe, Gare du Lafayette (l. o.). Alberto Giacometti, Paris, 1961, Rue d'Alésia (r. o.). Coco Chanel, Paris, 1964. (l. u.)
Alle Fotos: MAGNUM PHOTOS
"Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?" Das Lebenswerk in 602 Bildern. Verlag Schirmer und Mosel. ISBN: 3-8296-0068-2, Preis: 78 Euro. Informationen im Internet: http:/www.henricartierbresson.org


Erschienen am: 22.08.2003

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