Die Konstruktion der Weiblichkeit

"Information upon Request" ist eine ästhetische Arbeit, die mit sehr viel räumlichem Fingerspitzengefühl konzipiert ist.
Von Susanne Rohringer.


Im Hauptraum der Galerie hängen an den Wänden fünfzehn Fotografien auf Aluminium, davon sind drei Tafeln großformatig Fotos von Texten. Am Fußboden liegt ein Teppich, auf dem Linien und Worte wie Desk und Reading zu erkennen sind. Es handelt sich offensichtlich um eine Art Grundriss eines Gebäudes.

Keine Frauenhäuser

Räume, in Form von Zimmern, Korridoren, Fußwegen, Zwischenräume sind wichtige Inhalte in Andrea Geyers Arbeit. In New York hat sie Heime für Frauen fotografiert und die Prints in ein räumliches Zueinander in den Räumen der Galerie T19 gesetzt. Diese Heime, in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut, sollten Frauen ein geschütztes Wohnen in der pulsierenden und nicht immer ungefährlichen Großstadt New York ermöglichen. Sie haben den Charakter von Frauenhotels, sind primär Wohnstätten, gleichen daher nicht den Frauenhäusern am europäischen Kontinent, die als Zufluchtstätten für in Not geratene Frauen gedacht sind.

Strenge Sitten

Geyer selbst hat einige Monate in einem dieser Heime gewohnt und sich dort ihren Aussagen nach nicht sehr wohl gefühlt. Meist wohnen junge Frauen da, die sich kurze Zeit in New York aufhalten. Einige von ihnen sind Stipendiatinnen, andere haben ihre erste Auslandstelle in einem internationalen Unternehmen inne.

Die Sitten sind streng in diesen Institutionen. Männer dürfen nicht auf die Zimmer der Heimbewohnerinnen. Dafür gibt es eigene Besucherzimmer, die mit Couch, Lampe, Tisch und Mistkübel eingerichtet sind. Geyer hat auch eines dieser leeren und öden Besucherzimmer fotografiert.

Moralinsaures Biotop

In den abgelichteten Heimzimmern fallen die großen Spiegel auf, so als bräuchten Frauen in erster Linie einen Spiegel und keinen eigenen Arbeitstisch. Die Wände in den Zimmern wirken dünn und lärmdurchlässig. Mit Privatheit, Recht auf Intimität hat das Wohnen in diesen Heimen wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Biotop von überkommenen Moralvorstellungen und überholten Werten.

Genau darauf zielt Geyers Arbeit ab. Sie untersucht "Gender", das sozial konnotierte weibliche Geschlecht, wie es in diesen Heimen geformt wird. Die Arbeit ist sowohl kultur- als auch sozialkritisch zu lesen. Ergänzend dazu sind auch die Textstellen zu verstehen. Sie sind in Englisch abgefasst und enthalten rigide Benimmregeln verschiedener zeitgenössischer Institutionen für Frauen sowie Ausschnitte aus feministischen Texten der 80er und 90er Jahre. Die Textstellen sind in Dialogform abgefasst und lesen sich wie ein Skript einer fiktiven Unterhaltung.

Diese dreiteilige und vielschichtige Arbeit wirkt durch ihre kühle Präsenz. Der Betrachter kann sich in die Abbildungen versenken und Geyer gelingt es, ein Gedankengebäude zu erschaffen.

Die Künstlerin ist 1971 in Freiburg im Breisgau geboren und lebt seit vier Jahren in New York. Sie ist Absolventin des Withney-Independent-Study-Programms und war Teilnehmerin am International Studio Program. In Wien war sie zuletzt 1999 in einer Ausstellung über die Grenzerfahrung des Räumlichen gemeinsam mit Gerard Byrne, Emie Gehr, Lois Renner und Birgit Jürgenssen bei Hubert Winter zu sehen.

Tipp:

Die Ausstellung ist bis zum 17.2.2001 in der Galerie T 19, Tuchlauben 19, dienstags von 16:00 bis 18:30, Mittwoch bis Freitag von 12:00 bis 18:30 und Samstags von 10:00 bis 14:00 zu sehen.

Radio …sterreich 1