Im Hauptraum der Galerie hängen an den
Wänden fünfzehn Fotografien auf Aluminium, davon sind drei Tafeln
großformatig Fotos von Texten. Am Fußboden liegt ein Teppich, auf dem
Linien und Worte wie Desk und Reading zu erkennen sind. Es handelt sich
offensichtlich um eine Art Grundriss eines Gebäudes.
Keine Frauenhäuser
Räume, in Form von Zimmern, Korridoren, Fußwegen, Zwischenräume sind
wichtige Inhalte in Andrea Geyers Arbeit. In New York hat sie Heime für
Frauen fotografiert und die Prints in ein räumliches Zueinander in den
Räumen der Galerie T19 gesetzt. Diese Heime, in den 20er Jahren des 20.
Jahrhunderts gebaut, sollten Frauen ein geschütztes Wohnen in der
pulsierenden und nicht immer ungefährlichen Großstadt New York
ermöglichen. Sie haben den Charakter von Frauenhotels, sind primär
Wohnstätten, gleichen daher nicht den Frauenhäusern am europäischen
Kontinent, die als Zufluchtstätten für in Not geratene Frauen gedacht
sind.
Strenge Sitten
Geyer selbst hat einige Monate in einem dieser Heime gewohnt und sich
dort ihren Aussagen nach nicht sehr wohl gefühlt. Meist wohnen junge
Frauen da, die sich kurze Zeit in New York aufhalten. Einige von ihnen
sind Stipendiatinnen, andere haben ihre erste Auslandstelle in einem
internationalen Unternehmen inne.
Die Sitten sind streng in diesen Institutionen. Männer dürfen nicht auf
die Zimmer der Heimbewohnerinnen. Dafür gibt es eigene Besucherzimmer, die
mit Couch, Lampe, Tisch und Mistkübel eingerichtet sind. Geyer hat auch
eines dieser leeren und öden Besucherzimmer fotografiert.
Moralinsaures Biotop
In den abgelichteten Heimzimmern fallen die großen Spiegel auf, so als
bräuchten Frauen in erster Linie einen Spiegel und keinen eigenen
Arbeitstisch. Die Wände in den Zimmern wirken dünn und lärmdurchlässig.
Mit Privatheit, Recht auf Intimität hat das Wohnen in diesen Heimen wenig
zu tun. Vielmehr ist es ein Biotop von überkommenen Moralvorstellungen und
überholten Werten.
Genau darauf zielt Geyers Arbeit ab. Sie untersucht "Gender", das
sozial konnotierte weibliche Geschlecht, wie es in diesen Heimen geformt
wird. Die Arbeit ist sowohl kultur- als auch sozialkritisch zu lesen.
Ergänzend dazu sind auch die Textstellen zu verstehen. Sie sind in
Englisch abgefasst und enthalten rigide Benimmregeln verschiedener
zeitgenössischer Institutionen für Frauen sowie Ausschnitte aus
feministischen Texten der 80er und 90er Jahre. Die Textstellen sind in
Dialogform abgefasst und lesen sich wie ein Skript einer fiktiven
Unterhaltung.
Diese dreiteilige und vielschichtige Arbeit wirkt durch ihre kühle
Präsenz. Der Betrachter kann sich in die Abbildungen versenken und Geyer
gelingt es, ein Gedankengebäude zu erschaffen.
Die Künstlerin ist 1971 in Freiburg im Breisgau geboren und lebt seit
vier Jahren in New York. Sie ist Absolventin des
Withney-Independent-Study-Programms und war Teilnehmerin am International
Studio Program. In Wien war sie zuletzt 1999 in einer Ausstellung über die
Grenzerfahrung des Räumlichen gemeinsam mit Gerard Byrne, Emie Gehr, Lois
Renner und Birgit Jürgenssen bei Hubert Winter zu sehen.
Tipp:
Die Ausstellung ist bis zum 17.2.2001 in der Galerie T 19, Tuchlauben
19, dienstags von 16:00 bis 18:30, Mittwoch bis Freitag von 12:00 bis
18:30 und Samstags von 10:00 bis 14:00 zu sehen.