| Salzburger Nachrichten am 17. August 2004 - Bereich: kultur
Wesen des Steins suchen Ein Besuch bei den
Bildhauern im Steinbruch in Fürstenbrunn
Gudrun WeinzierlSalzburg, Fürstenbrunn (SN). Der bald 84-jährige Prager
Milos Chlupác ist das Urgestein der Steinbildhauer an der Internationalen
Sommerakademie für Bildende Kunst. Seit dem Gründungssymposion 1986
unterrichtet er die Studenten der Bildhauerklasse am Untersberg. Karl
Prantl und er haben den "Treffpunkt" Untersberg begehrenswert gemacht. Sie
haben auch 1989 und 1993 die Exponate für den Skulpturenpark im Salzburger
Bildungshaus St. Virgil ausgewählt. Chlupác ist ein Zeitzeuge der großen,
historisch gewordenen Bildhauersymposien im Römersteinbruch von St.
Margarethen, im Kärntner Krastal oder im slowenischen Portorosz. Im
Vorjahr arbeitete und lehrte er in Guanxi/China. Vierzig Jahre jünger ist der zweite Dozent, der gebürtige Bad
Reichenhaller Hubert Maier. Arbeiten von Chlupác und Maier sind seit 1992
im Toskanatrakt der Salzburger Residenz zu sehen. Damals entstand unter
Karl Prantl eine große Gemeinschaftsarbeit für die Höfe des Traktes. Assistent im Steinbruch in Fürstenbrunn ist der Amerikaner Roger
Bischof, für den der Untersberg ebenfalls seit vielen Jahren der
sommerliche Aufenthaltsort ist. Während an den anderen Standorten der Sommerakademie für Bildende Kunst
- Festung Salzburg und Halleiner Pernerinsel - die Frauen immer in der
Überzahl sind, ist die Steinbildhauerei eine traditionell männlich
dominierte Sparte. Der Steinbruch bietet nicht nur Material und
Arbeitsplatz, sondern auch Unterkunft in einfachen Lagern. Für den Dienst
in der Küche wechselt man einander täglich ab. Wichtig ist die
Unterstützung der Brucharbeiter, "ohne sie würde gar nichts gehen", sagt
Hubert Maier im SN-Gespräch. Ende der Vorwoche wurde ein Blick auf die Arbeiten nach dem bisher
vierwöchigen Schaffen am Samstag gewährt. Teils sind die Skulpturen
fertig, teils werden sie fragmentarisch belassen. Erkennbares hat sich aus
dem Stein lösen lassen, vieles ist noch diffus, wird es vielleicht bleiben
oder in den verbleibenden zwei Wochen des Kurses konkretisiert. Auch im Steinbruch Kiefer gibt es "Fundstücke", die einen Künstler
magisch anziehen, da sie ihre spätere Form schon offenbaren. Doch oft kann
es Tage dauern, bis ein Bildhauer weiß, wo er den ersten Schlag ansetzen
wird. Anders als beim Formen von modellierbarem Material ist der Stein ein
sperriges und immer mit Bedacht zu eroberndes Material. Daher sind
Steinbildhauer keine spontanen Schöpfer, sie wenden und drehen ihr
manchmal tonnenschweres Material, bis sie die ihm innewohnende Form sehen.
"Wir müssen das Wesen des Steins fühlen, es in uns aufnehmen, er ist ja so
viel älter als wir", sagt Chlupác, der seit über fünfzig Jahren in
Fühlungnahme zum Stein lebt. |